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André Scheffler wird Geschäftsführer der Besteckmanufaktur von Koch & Bergfeld

21. Januar 2023, Bremen. Geduld ist keine Tugend – aber sie ist wichtig, wenn man eine der interessanten Positionen in der deutschen Wirtschaft erreichen will. Oder wie würden Sie es bezeichnen, wenn es um ein mehr als 190 Jahre altes und unabhängiges Familienunternehmen geht? André Scheffler ist alt genug. Er ist 61. Jung und dynamisch im Kopf. Es macht Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Er hat anderthalb Jahre auf seine Einstellung gewartet. Er hat locker durchgehalten. Nun wird der langjährige Vertriebsleiter der Porzellanmanufaktur Fürstenberg neuer Geschäftsführer der Besteckmanufaktur von Koch & Bergfeld in Bremen. Es geht für ihn vom Porzellan ins Silber. Er verspricht uns allen: „Ich werde mein gesamtes Herzblut in die Weiterentwicklung dieses Unternehmens stecken.“ Gründungsjahr 1829 – aber jede Generation muss es erhalten und in die nächste weitertragen.

Scheffler kommt aus Bad Zwischenahn, die Gemeinde mit eigenem „Meer“, das der drittgrößte See Niedersachsen ist. Die Region heißt Ammerland, wird durch Baumschulen geprägt und bereichert durch deren privat-öffentliche Rhododendron-Parks – berühmt ist sie auch für den ‚Ammerländer Löffeltrunk‘ aus dem Zinnlöffel in der linken Hand und dem Spruch, den die beiden sich Zuprostenden im Wechsel sprechen: „Ick seh di! Dat freit mi! Ik sup di to! Dat do! Ik heb di tosapen! Hest’n Rechten drapen! So hebt wi dat immer doh‘n! So schall dat ok wieter goh’n!“ Plattdeutsche Kultur, immer noch gesprochen, Prost dem, der im Ammerland mit dem Zinnlöffel unterwegs ist – Achtung: in der linken Hand, die rechte jederzeit frei für den Griff zur Waffe gegen mögliche Unterknechter aus dem Süden… im Grenzland zu den Friesen, die übergriffigen und respektlosen Missionaren notfalls mal den Kopf abschlagen, solche Menschen sind das da halt.

Manufakturen-Blog: So verliert man offensichtlich talentierte Mitarbeiter - Gottfried Kochs 'Spaten', den Wilkens nicht produzieren wollte, weswegen Koch kündigte und dessen Entwurf immer noch einen größeren Anteil am Umsatz von Koch & Bergfeld ausmacht (Foto: Koch & Bergfeld Besteckmanufaktur GmbH)

So verliert man offensichtlich talentierte Mitarbeiter – Gottfried Kochs ‚Spaten‘, den Wilkens nicht produzieren wollte, weswegen Koch kündigte und dessen Entwurf heute immer noch einen größeren Anteil am Umsatz von Koch & Bergfeld ausmacht.

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Der sehr viel feinsinnigere und sehr viel weniger bäuerliche Scheffler hat in den 1980er Jahren Betriebswirtschaftslehre in Münster studiert, ist Diplom-Kaufmann. Seine Stationen waren unter anderem Parfums Christian Dior, der Strumpfhersteller Falke und hier wieder die Marken Dior sowie Joop, die Sara-Lee-Group, Carl Albani in Augsburg, EganaGoldpfeil – und dann eben die historische Porzellanmanufaktur Fürstenberg, gegründet im Jahr 1747 von Karl dem Ersten (1713-1780), Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, die Nummer Drei der berühmten Vier bestehend aus Meissen, KPM und Nymphenburg.

Nun also Koch & Bergfeld. Die Silberschmiede wurde von Gottfried Koch, der bei Wilkens gelernt hatte, im Jahr 1829 gegründet, weil sein Lehrherr die von ihm entworfene Alternative zur bestehenden Wilkens-Version des berühmten ‚Spaten‘-Bestecks (die älteste europäische Besteckform gleich nach dem geschnitzten Holzlöffel) nicht produzieren wollte. Koch kündigte, ging nochmal auf Wanderschaft, lernte Ludwig Bergfeld kennen, man heiratete auf dem Durchweg in Hannover zwei Schwestern – voilà. Aus ‚G. Koch‘ wurde Koch & Bergfeld.

Die Kinder der Firmengründer beschafften eine Dampfmaschine, erfanden um das Jahr 1860 herum das Verfahren, wie man Stahlwerkzeuge herstellte und zum Schneiden und Prägen des weicheren Silbers einsetzte – die Preise für Silberbesteck stürzten auf ein Zehntel ab, wer von den Mitbewerbern nicht nachmachte, ging pleite. Große Teile des Bürgertums konnten sich auf einmal das begehrte Besteck der Superreichen der bisherigen Zeiten leisten. Bestens für die Gründerzeit, die viele Menschen viel besser situierte. Zwanzig Jahre später hatte man 800 Beschäftigte und war reich.

Bergfelds schieden nach hundert Jahren aus, Kochs verkauften im Jahr 1989, kehrten jedoch nochmal als Minderheitsgesellschafter in den 2000er Jahren in die Immobilienbesitzgesellschaft (Stichwort: „Neustädter Schlösschen“) für 12 Jahre zurück.

Keine deutsche Besteckmarke steht so für Echtsilber (925er Sterling), wie diese: rund 92,5 Prozent der gefertigten Bestecke sind aus Sterlingsilber; Koch & Bergfeld entwarf im Jahr 1967 den UEFA Champions-League-Pokal, die Korpuswerkstatt inzwischen viele weitere Pokale und Trophäen. Das Besteck reiste früher auf den Ozeandampfern des Lloyd, liegt heute in vielen deutschen Botschaften auf dem Tisch, wurde von den Vereinigten Arabischen Emiraten vor einigen Jahren als Gastgeschenk verwandt – und auch US-Präsident Barack Obama speiste auf Deutschland-Besuch mit Gottfried Kochs ‚Spaten‘. Von 1829.

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Fotos & Videos: Wigmar Bressel

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Sie sollte den „guten Geschmack des deutschen Volkes“ fördern – des Kaisers Majolika-Manufaktur Cadinen

17. Dezember 2022, Lüneburg. Welch ein Projekt! Wenn der Kaiser höchstpersönlich „auf die Ausbildung guten Geschmacks im deutschen Volke einwirken“ wollte – dann war Großes, wenn nicht gar Kulturell-Revolutionäres, in Vorbereitung. Der vielschichtige, schillernde, ganz sicher exzentrische, bisweilen unverständliche Wilhelm der II. (1859 – 1941) hatte im ostpreußisches Cadinen bei Elbing mit Blick aufs Haff im Jahr 1898 ein verschuldetes historisches Gut aus Ritterordenszeit als Sommer-Option erworben; dort wurden Pferde gezüchtet – und Ziegel gebrannt, aus denen man den ganzen Ort (heute Kadyny, 500 Einwohner) am Erbauen war. Die feinen Waren aus der von seinem Vorfahren, dem berühmten Friedrich dem Großen, entwickelten Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) in Berlin für die königlichen Schlösser und Besitzungen, waren teuer. Da kam die wiederaufkommende Begeisterung für Ton und Fayence gerade recht: Der Cadiner Ton war gut und hielt den angeordneten Beprobungen stand. So startete das Projekt ‚Künstlerische Volksbildung‘. Auf die Geschichte bin ich im sehr besuchenswerten Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg gestoßen.

‚Majolika‘ – ein aus ursprünglich von Mallorca („mallorcinisch“ – daher der Name) unter maurischer Entwicklung am Beginn der Neuzeit auf den europäischen Kontinent über Italien eingesickertes Verfahren, bei dem auf roten Ton Zinnglasuren in kräftigen Farben aufgebrannt werden. Der große Vorteil: Ton ist ein Naturprodukt, wird in Tongruben abgebaut, wird getöpfert und ist unkompliziert zu brennen. Anders als die Zutaten für Porzellan, die gereinigt und als Masse konfiguriert werden, kann man mit dem Naturmaterial Ton einfach loslegen. Wenn man dann ein Verfahren entwickelt, wie man ähnliche Malereien, wie auf dem feinen Porzellan, auftragen kann, dann ist Majolika eine Art günstigeres Porzellan – also geeignet für sehr viel größere Bevölkerungsschichten, die ja eh mit Tongefäßen seit vielen Jahrtausenden vertraut sind.

Manufakturen-Blog: Eher untypisch - ein Madonnen-Relief (Maria mit dem Kind) aus Cadinen. (Foto: Wigmar Bressel)

Eher untypisch – ein Madonnen-Relief (Maria mit dem Kind) aus Cadinen (um 1905). Wilhelm der II. war ja evangelisch – und Maria spielt vor allem in der römisch-katholischen Kirche eine Rolle („Marienverehrung“). Maria ist ja nach Adam (wurde im christlichen Glauben von Gott erschaffen), Eva (wurde in diesem Glauben von Gott aufgrund Adams Klage über Einsamkeit aus einer seiner Rippen geschaffen) erst als dritter Mensch an einer Art Menscherschaffung ohne Zeugungsakt (bei ihr: durch den sog. ‚Heiligen Geist‘ ohne ‚befleckte Empfängnis‘) beteiligt. Jesus wurde erst auf dem Konzil von Nicäa (im Jahr 325) einheitlich als Teil der Trinität aus Gott – Heiligem Geist und eben ihm – festgelegt; und ist seitdem eben nicht mehr Teil der Schöpfung.

Manufakturen-Blog: Elch - Keramik um 1935 von Arthur Steiner (1885 - 1960) (Foto: Wigmar Bressel)

Elch – Keramik um 1935 von Arthur Steiner (1885 – 1960)

Manufakturen-Blog: 'Mädchenkopf mit Lilie' von Ludwig Manzel - einem Berliner Lieblingskünstler von Wilhelm II. Der durfte sogar Jugendstil... (Foto: Wigmar Bressel)

‚Mädchenkopf mit Lilie‘ (zwischen 1905 und 1910) von Ludwig Manzel – einem Berliner Lieblingskünstler von Wilhelm II. Der durfte sogar Jugendstil…

Im Jahr 1902 startete die Majolika-Manufaktur. Haken an der Sache: Wilhelm der II. glaubte an die Neuauflage der Kunst der Antike bis maximal zum 18. Jahrhundert – Historismus eben. Nur in wenigen Fällen wurde in Cadinen zeitgenössische Kunst produziert. Es kam die Katastrophe des 1. Weltkriegs – Wilhelm dankte ab und reiste ins niederländische Exil ab. Aber was ihm und seiner Familie der Hohenzollern blieb, waren ja die riesigen Besitzungen im Deutschen Reich. Allerdings ließen sich diese jetzt von ihnen nicht mehr mit selbsterteilten Staatsaufträgen subventionieren. Stattdessen mussten sich die Besitzungen ab sofort rechnen und Geld auf dem Markt verdienen. Für Cadinen gilt dies als Glücksfall: Nun war echter Volksgeschmack gefragt – und statt der Antike und der Rocaille des lange vergangenen Rokoko, waren jetzt Tierskulpturen angesagt, deren Beliebtheit dazu führte, dass bei Flucht und Vertreibung Einzelteile gerettet, aber auch aus vielen Ecken der heutigen Bundesrepublik Cadiner Majolika an das spätere Museum abgegeben wurden.

Als die Rote Armee einmarschierte und Cadinen später polnisch wurde, wurde die Majolika-Manufaktur eingestellt; Verwalter Prinz Louis Ferdinand trat die Flucht über das zugefrorene Haff an. Ein amerikanischer Erwerber des Gutes nach der Wende schlachtete die Gebäude nach kaiserlichen Hinterlassenschaften aus, heißt es, ein britischer Investor ging mit einem Hotel im Schlösschen pleite. Ein neuer Versuch unter polnischer Führung läuft. Auch das Gestüt soll weiterbetrieben werden. Ich war im Jahr 2000 einmal dort – aber da war alles noch in Unordnung.

Was man aber aus Cadinen heute noch bestellen kann, das sind die kaiserlichen Ziegel. Wilhelm der II. hatte auch die Ziegelei weiterbetrieben, modernisiert und ausgebaut. Diese sind also verfügbar. Außerhalb des Landesmuseums hängt ein großes Kachel-Bild aus Cadiner Majolika im Foyer des Hamburger Hotels ‚Atlantic‘ (das, in dem Udo Lindenberg lebt) – mit seiner Majestät darauf; ein anderes Beispiel sind die Fliesen des Alten Elbtunnels – auch Cadiner Majolika.

Fazit: Volksgeschmacksbildung schiefgegangen – Erinnerung und vielleicht Kultstatus erreicht; Cadiner Originale kosten auf eBAY soviel, wie das eigentlich viel teurere KPM-Porzellan.

Fotos/Repro: Wigmar Bressel (alle im Ostpreußischen Landesmuseum)

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Die Leinenweberei Seegers & Sohn – vom Aufbruch in die Zukunft

1. November 2022, Steinhude. Eigentlich sollten Manufakturen ‚resilient‘ gegen globale Krisen sein: Sie produzieren vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt, beliefern genauso Händler wie Endverbraucher vorrangig auf regionalen und nationalen Märkten, reparieren die Produkte, die nach Jahren defekt oder beschädigt zurück ins Werk kommen, können meistens noch Ur-Formen aus ihrer Gründungszeit nachfertigen. Sie produzieren ethisch unter Einbeziehung ihrer lokalen Anwohner, den Auflagen der Gewerbeaufsicht und zahlen ortsübliche, dem jeweiligen Landes- oder EU-Recht unterliegende Gehälter. Klar, sie sind nicht gegen Energiepreis-Entwicklungen durch Kriege wie in der Ukraine gefeit und müssen sich auch den Notwendigkeiten steigender Umwelt- und Gesundheitsschutz-Auflagen stellen… Gerade bedrücken die schlechten Nachrichten aus der sächsischen Leinenweberei Hoffmann in Neukirch/Lausitz – da flattert über Instagram die Einladung zu den ‚Tagen der offenen Tür‘ bei Hoffmanns Mitbewerber, der Leinenweberei Seegers & Sohn aus Steinhude am gleichnamigen „Meer“, aufs Smartphone. Eine willkommene Einladung, nachzuschauen, was die älteste deutsche Leinenweberei (gegründet im Jahr 1765) anders macht…

Also Sonntagsausfahrt ans Steinhuder Meer: Die Bleichenstraße herunter, leuchtet schon der riesige Schriftzug ‚Leinenfabrik‘ den Besuchern entgegen. Vor einer abgewaschenen und neuverputzten Spät-Gründerzeit-Industriefassade aus dem Jahr 1912 erwarten uns 50 Außengastronomie-Sitzplätze – rappelvoll, passend zu den 100 Fahrrädern und weiteren 50 Autos, die auf dem Firmenparkplatz stehen. Das Unternehmen gönnt sich einen eigenen Museumsteil (so erreicht man die Sonntagsöffnung und die Touristen: „Frühstück ab 10 Uhr“), in dem auch ein Teil des Cafés untergebracht ist. Dabei ist Seegers kein Museum – sondern ein Produktionsbetrieb, der seine Nische im Markt perfekt bedient: 140 Meter Leinen, Halbleinen und Baumwolle für Handtücher, Bettwäsche, Tischdecken, Servietten, Brotbeutel und und und werden jeden Werktag gewebt. Die Kunden: Berühmte Hotels, die Deutschen Botschaften, das Kanzleramt – aber vor allem unendlich viele Menschen, die mit Tischkultur leben, die auf die halbfesten und durch den Leinenanteil besonders saugstarken Geschirrhandtücher stehen, mit denen sich Gläser so hervorragend polieren lassen… weg ist der Kalkrand aus der Geschirrspülmaschine!

Dann der Werksrundgang durch die Heiligtümer: der Maschinensaal mit den 16 Jacquard-Webstühlen, das Lochkarten-Archiv mit den mehr als 5000 Papier-Lochkarten, über deren Abtastung sich die Webstühle das Muster für den zu webenden Stoff ziehen, die Garnrollen mit ihren bis zu 30 Kilometer langen Fäden, die Näherei mit ihren acht Arbeitsplätzen, Stofflager, Garnlager. Uns führt der 34jährige Weber Sascha Pleger, der seit elf Jahren im Unternehmen arbeitet und heute die Produktion verantwortet. Geduldig erklärt er, wie ein Webstuhl arbeitet, funktioniert, „tickt“. Er erzählt vom tagelangen Umspannen, wenn auf dem Webstuhl ein anderes Muster gewebt werden soll, denn die Stühle verfügen über 3600 bis 9000 Kettfäden – das sind die Längsfäden, durch die der Schussfaden (das ist der mit der Farbe) hindurchgeschossen wird und durch dessen Steuerung (auf und ab) über die Lochkarte das Muster entsteht; jeder Einzelne muss durch den Stuhl gezogen und verknotet werden. Geduld ist gefragt – und man darf nicht durcheinanderkommen… Sind die Webstühle nicht schon zu alt für eine moderne Fertigung? Pleger stellt die Gegenfrage: „Kann ich einen modernen, computergesteuerten Hochleistungswebstuhl selbst reparieren? Diese mechanischen Webstühle kann ich auseinanderbauen und jedes einzelne Bauteil ersetzen – bei den neuen Maschinen muss ich immer auf den Mechaniker warten.“ Und häufig wird es dann ein Programmierer sein, der an die Software heran muss…

Manufakturen-Blog: Im Websaal der Leinenfabrik Seegers & Sohn in Steinhude mit ihren Jacquard-Webstühlen (Foto: Wigmar Bressel)

Im Websaal der Leinenweberei Seegers & Sohn in Steinhude mit ihren Jacquard-Webstühlen

Manufakturen-Blog: Anstehen im rustikalen werkseigenen Café - früher war das ein Teil der Bleichhalle (Foto: Wigmar Bressel)

Anstehen im rustikalen werkseigenen Café – früher war das ein Teil der Bleichhalle

Manufakturen-Blog: ...der Schriftzug 'Leinenfabrik' ist schon von Weitem zu sehen (Foto: Wigmar Bressel)

Seegers‘ Schriftzug ‚Leinenfabrik‘ ist schon von Weitem zu sehen

Manufakturen-Blog: Die Parkplätze rund um den Betrieb sind voll mit Fahrrädern und Autos (Foto: Wigmar Bressel)

Die Parkplätze rund um den Betrieb sind voll mit Fahrrädern und Autos

Manufakturen-Blog: Beim Weben - der Webstuhl fertigt das Muster 'Gregor' (Foto: Wigmar Bressel)

Beim Weben – der Webstuhl fertigt gerade das Muster ‚Gregor‘

Manufakturen-Blog: Im Werksverkauf liegen Tischläufer neben Handtücher, Decken, Bettbezügen, Servietten... (Foto: Wigmar Bressel)

Im Werksverkauf liegen Tischläufer neben Handtüchern, Decken, Bettbezügen, Servietten…

Gehörschutz ist in der Produktion Pflicht. Pleger warnt vor – und schaltet einen Webstuhl ein. Dieser rattert sofort los, erzeugt 108 Dezibel. Für einen Moment geht das. Man sieht zu, wie langsam ein klassisches Muster für Geschirrtücher entsteht und sich auf eine Rolle wickelt. Kleine Reiter aus Blech bewegen sich auf und ab – für jeden Kettfaden einer. Reißt ein Faden, dann merken das auch diese Webstühle schon, und bleiben sofort stehen – denn das war eines der ersten Probleme, die gelöst werden mussten. Das Muster darf keine Unregelmäßigkeiten haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch sieben Leinenwebereien in Steinhude, das bereits im Jahr 1728 das Weber-Zunftrecht verliehen bekam. Das Steinhuder Meer bedeutete gute Wasserversorgung – eine Grundvoraussetzung für den Anbau von Flachs, der vor der Baumwolle das europäische Textil war. „Mein Großvater hat sich in den 1950er Jahren gegen die damals sehr populäre Verarbeitung von Polyester und anderen Kunstfasern entschieden“, erzählt Adrian Seegers, heute geschäftsführender Gesellschafter in neunter Generation, auf der Rückseite der Speisekarte des hauseigenen Cafés; sein Vorfahr, der Weber Johann Dietrich Jacob Seegers, hatte das Unternehmen damals als ‚Leinen- und Tischzeugweberei Seegers‘ gegründet. Jedenfalls führen die Seegers und ihre Mitarbeiter auf diese großväterliche ablehnende Haltung gegenüber Plastiktischdecke & Co. ihr Überleben zurück. Als einziger Weberei in Steinhude. Hotels und Gastronomen sei Dank.

Inzwischen hat sich die Haltung in bestimmten Kreisen geändert: Wer heute in die Gastronomie liefern will, bezieht sein Garn besser aus der EU – denn der Nachweis der Unbedenklichkeit bezüglich Pestiziden muss sein. Seegers & Sohn verwebt nur Oeko-Tex-zertifizierte Garne. Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen sind dem Unternehmen ein Anliegen. Es soll ja alles stimmig sein.

Wenn man durch den Betrieb geleitet wurde, landet man im Werksverkauf in der alten Bleichhalle und auf dem alten Garnboden. Logisch. Wer eben von den Produkten überzeugt wurde, der soll ja auch kaufen können: Geschirrtücher gibt es ab sechs Euro, Reinleinen-Bettwäsche ab 186,00 Euro pro Garnitur. Alles, wenig überraschend, auch in einem tadellos funktionierenden Online-Shop. Man kann nur staunen, wie richtig solch ein kleiner Betrieb (mit 34 Mitarbeitern) dort in Steinhude alles macht!

Fotos: Wigmar Bressel

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Die Leinenweberei Hoffmann muss hoffen

20. Oktober 2022, Neukirch/Lausitz. Aus der Lausitz – da, wo demnächst die letzten Braunkohletagebaue in Badeseen umgewandelt werden, kommen auch schlechte Nachrichten. Dort, wo die europäische Manufakturen-Entwicklung begann, als im 17. Jahrhundert sogenannte ‚Verleger‘ Tuchproduktionen im großen Stil in Auftrag gaben und von Heimarbeitern und Handwerksbetrieben mithilfe der Dampfmaschine eben die ersten Manufakturen gegründet wurden, meldete im Frühsommer ausgerechnet der älteste dort noch existierende Leinen-Weber, die Leinenweberei Hoffmann in Neukirch, Insolvenz an. „Die Aussichten waren schlecht, es drohte die Zahlungsunfähigkeit“, sagt Geschäftsführer Reinhard Ruta, der seit 14 Jahren den Betrieb leitet.

Seit dem Jahr 1905 hatten sich zunächst Karl-Gustav Schulze und Martin Hoffmann, dann nur noch die Hoffmanns, seit dem Jahr 2007 schließlich die Enthusiasten Reinhard Ruta und Sieghard Albert als Altersnachfolger, einen Namen gemacht, seit sechs Jahren nur noch Reinhard Ruta. Die DDR-Zeit hatte die Weberei, nach der Enteignung im Jahr 1971, innerhalb des ‚Volkseigenen Betriebs Wäscheunion‘ unter dem Namen ‚Damastweberei Oberodewitz‘ einigermaßen selbständig und glücklich überstanden – da Hoffmanns nie aus den Büchern und dem Grundbuch gelöscht wurden, erfolgte die Rückgabe durch die Treuhand eher reibungslos und im Jahr 1991 ausgesprochen früh.

Der Neustart in der Alteigentümer-Struktur erfolgte mit einem Paukenschlag: Die damalige Deutsche Bundespost plazierte in Neukirch einen Großauftrag – Postsäcke! Banken folgten, ließen sich die klassischen Münzbeutel fertigen, die so griffig und haltbar zugleich sind.

Aber was Hoffmann natürlich auszeichnet, ist die Vielfalt der Webmöglichkeiten, die in einem einzigen Betrieb mit gerade einmal 17 Beschäftigten vereint sind: historische Schützen-Webmaschinen für Gewebe mit fester Webkante, Jacquard-Webmaschinen für Tischdecken, Servietten etc. sowie elektronisch gesteuerte Webmaschinen für das klassische Halbleinen-Geschirrtuch. Darüberhinaus hat sich das Unternehmen auch darauf spezialisiert, neben den Heimtextilien sogenannte ‚technische Gewebe‘ herzustellen – also Gewebe, die technisch-physische Eigenschaften haben müssen, die von den Auftraggebern benötigt werden. Reinhard Ruta: „Ein Großteil unseres Geschäfts mit sehr treuen Kunden, mit denen wir teilweise schon mehr als 20 Jahre eng zusammenarbeiten.“

Man war bisher auch durchaus innovativ: Toll sind die Frottée-Handtücher aus einem Mix aus 40 % Leinen und 60 % Baumwolle; das ‚Zwei-Zonen-Flex-Tuch‘ zum Rückenrubbeln mit unterschiedlichen Härtegraden ist eine besondere Entwicklung für den Wellnessbereich und wurde beim Wettbewerb zum ‚Manufaktur-Produkt des Jahres 2015‘ ausgezeichnet.

‚Ja – und wo ist jetzt das Problem?‘, möchte man denken.

Da ist das Problem: Zunächst hatte es seit Jahrzehnten geheißen: ‚Bau dein Lager ab – das bindet nur Kapital. Alle Lieferanten liefern doch just in time!‘ Nun – das bezog sich auf den regionalen Flachsanbau (Leinen wird aus der Flachs-Faser gesponnen); der ging jedoch zurück, bis er nahezu verschwand. Also auf einmal: Belgien, Irland, Frankreich, Italien… Ägypten… China… Just in time? „Lieferzeiten und Engpässe!“, grummelt Ruta: „Die Verfügbarkeit von Flachsgarnen auf dem Beschaffungsmarkt ist in den vergangenen zwei bis drei Jahren schwierig geworden. Die Anbieterstruktur hat sich dramatisch verändert, die Anzahl der Garnlieferanten ist geringer geworden, gewünschte Garnqualitäten gibt es zeitweise oder teilweise überhaupt nicht mehr. Wie auch bei vielen anderen Rohstoffen und Zulieferprodukten in anderen Branchen. Darüber hinaus sind massive Preissteigerungen einhergehend mit der Forderung der Lieferanten nach Vorauskasse auch ein Teil der Ursachen für die gesamte Beschaffungsproblematik.“

Bedeutet: Aufträge theoretisch ja, Lieferfähigkeit nein. Farben, die der Kunde seit Jahren für kleine Chargen ordert, – plötzlich nicht mehr aufzutreiben. Immer auf der Suche nach dem passenden Garn – das dafür jedoch europalettenweise zum Preis von bis zu zehntausend Euro.

Ute Czeschka vom Manufakturhaus in Meißen handelt seit vielen Jahren mit Hoffmann-Produkten, wir sprachen vor langer Zeit schon über Hoffmann, sie sagte damals: „Super Qualität, schönes, seltenes, klassisches Design – aber, wie die Produkte von vielen Manufakturen, zunächst mit zu geringer Händler-Marge ausgestattet.“ Ein Problem: Aus Angst vor ausbleibenden Aufträgen und zu geringem Selbstbewusstsein, sorgenvoll auf die Einkaufsgewohnheiten der großen Ketten in China blickend, hat man die eigenen Produkte zu günstig am Markt plaziert; am Ende bleibt für keinen Marktteilnehmer Geld übrig: Händler verdienen zu wenig, die Aufträge kommen nur noch von Spezialisten, der Hersteller verkauft aus Verzweiflung fast alles direkt an den Endverbraucher oder Großkunden – und gerät wegen fehlender Schaufenster in der Gesellschaft in Vergessenheit. Das Problem vergrößert sich und vergrößert sich. Am Ende kennt fast niemand mehr den tollen ‚Oberlausitzer Leinendamast‘.

Dagegen könnte Marketing helfen. Facebook, Instagram, Twitter, Pinterest – wie sie alle heißen. Ein zeitgemäßer Online-Shop bestimmt auch. Reinhard Ruta weiß um die Mängel – in einem Interview sagte er: „Wir haben hervorragende Produktionsfachleute. Was uns aber fehlt, ist geeigneter Nachwuchs. Wir brauchen jüngere Leute, die am Erhalt unseres Handwerks interessiert sind und sich mit heutigen Marketingfragen und digitalen Prozessen auskennen.“ Er weiß um die Mängel – aber er sanierte lieber einen Teil des Produktionshallen-Dachs; auch wichtig, dass es nicht hereinregnet und die Heizung den Oberlausitzer Himmel übermäßig erwärmt.

Der Wirtschaftsingenieur aus dem nordhessischen Kassel kam als glücklicher Kunde: „Ich habe in Berlin eine Hoffmann-Bettwäsche-Garnitur in einem Fachgeschäft gekauft – die hat mich so begeistert!“ Er fragte sich zu Hoffmann durch, besuchte den Hersteller auf einer Messe, dann den Betrieb in Neukirch.

Aus Produkt-Begeisterung wurde Eigentum: „Die Tochter der Familie Hoffmann und ihr Mann brauchten eine Altersnachfolge.“ Ruta inzwischen auch: „Ich bin 64. Ich kann das ja nicht ewig machen.“ Und sein Alter verhinderte ja auch, realistisch betrachtet, ein größeres Bankdarlehen für seinen inhabergeführten Betrieb.

Manufakturen-Blog: Das Bespannen eines mechanischen Webstuhls dauert drei Tage (Foto: Wigmar Bressel)

Das Bespannen einer mechanischen Webmaschine dauert drei Tage

Manufakturen-Blog: Geschäftsführer Reinhard Ruta vor der historischen Stechuhr - sie ist immer noch in Betrieb (Foto: Wigmar Bressel)

Geschäftsführer Reinhard Ruta an der historischen Stechuhr – sie ist immer noch in Betrieb

Manufakturen-Blog: Eingang zum Werksverkauf an der Zittauer Straße (Foto: Wigmar Bressel)

Eingang zum Werksverkauf an der Zittauer Straße

Manufakturen-Blog: Die Größe der Produktionsgebäude wird erst klar, wenn man das Gelände umschreitet (Foto: Wigmar Bressel)

Die Größe der Produktionsgebäude wird erst klar, wenn man das Gelände umschreitet

Manufakturen-Blog: Mechanisches Zusammenlegen der langen Stoffbahnen für den Transport zum 'Veredeler' - zum Waschen und Bügeln und Vorbereiten für die Auslieferung an die Kunden (Foto: Wigmar Bressel)

Mechanisches Säumen und Zusammenlegen der langen Stoffbahnen – hier: technisches Gewebe – für die Weiterverarbeitung, Konfektionieren und Vorbereiten für die Auslieferung an die Kunden

Manufakturen-Blog: In der Näherei (Foto: Wigmar Bressel)

In der Näherei

Manufakturen-Blog: Zuschnitt von Küchenhandtüchern für eine Kundin in einer Sonderfarbe (Foto: Wigmar Bressel)

Zuschnitt von Küchenhandtüchern für eine Kundin in einer Sonderfarbe

Dass das Problem bei Hoffmann überhaupt Wellen schlug, ist der Leipziger Initiative ‚Lokaltextil‘ zu verdanken. Diese ist derzeit sehr mit der Idee der Lausitzer Leinen-Fertigung und des regionalen Flachs-Wiederanbaus befasst. Als „Initiative zur Stärkung des textilen Bewusstseins“ veröffentlichte sie deshalb am 5. Juli 2022 einen Hilferuf im Internet und auf Instagram: „Bitte unterstützt die Leinenweberei Hoffmann!“. Im Text heißt es: „Leider gehen die jüngsten Schwierigkeiten unserer Zeit auch an der Leinenweberei Hoffmann nicht spurlos vorüber. Corona, Krieg und Beschaffungsprobleme setzen die Leinenweberei Hoffmann zunehmend unter Druck…  Das erfordert eine andere Lagerwirtschaft und Vorfinanzierungsmittel… Habt Ihr zukunftsorientierte Ideen für die Leinenweberei? Kennt Ihr Investoren, die nachhaltige lokale Wertschöpfungsketten fördern möchten?“

Der erste Investitionsbedarf – ein Mix aus Kaufpreis und ‚working capital‘ sowie echter Investitionen in die historische Produktion und Immobilienteile, Besucherparkplätze und einen würdigen als auch barrierefreien Werksverkauf, jedoch auch einen zeitgemäßen Online-Shop, Internetauftritt und Social-Media-Aktivitäten – wird sich auf geschätzte 1,5 Millionen Euro belaufen. Die Summe hört sich ersteinmal nach etwas an – aber man darf nicht vergessen, dass die Leinenweberei Hoffmann sowohl sächsisches als auch nationales Wirtschaftskulturgut ist; das gilt es zu erhalten und in die nächste Generation zu transformieren – sonst sind in Jahrhunderten erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse für die deutsche Gesellschaft verloren. ‚Die Letzten ihrer Art‘ – es lohnt sich darüber nachzudenken, wie wir sie erhalten. Ruta sagt jedenfalls: „Ich werde jeden Investor unterstützen, der den Betrieb erhält und in die Zukunft führt.“

Insolvenzverwalter Dr. Ralf Goethner, der seit dem 4. August das Sagen hat, hat inzwischen Kaufinteressenten. Mal sehen, wen und welches Konzept er den Gläubigern und der Öffentlichkeit präsentiert.

Fotos: Wigmar Bressel

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Der Manufakturen-Blog auf Istagram II – 1250 Abonnenten und ihre zehn beliebtesten Bilder

27. September 2022, Bremen. Seit sieben Jahren postet der Manufakturen-Blog auch auf Instagram – manchmal täglich, manchmal wöchentlich, manchmal mit Urlaubspause. Trotzdem sind die Abonnenten-Zahlen des ‚Kanals‘ @manufakturenblog kontinuierlich angestiegen: um 180 im Jahr. Inzwischen lassen sich 1250 Menschen Fotos aus dem Blog dort zeigen. Und – welche Themen-Fotos fanden diese in den sieben Jahren am Interessantesten, welche wurden mehr als hundertmal ‚gelikt‘? Hier die TOP 10 unserer ‚Follower‘ aus 471 Fotos:

Platz 1

Manufakturen-Blog: Claudia Schoemig in ihrem Showroom in der Werkstatt in der Raumerstraße 35 unter einer großen Leuchtreklame eines früheren Berliner Geschäfts (Foto: Wigmar Bressel

Claudia Schoemig von Schoemig Porzellan in ihrem Showroom in der Werkstatt in der Raumerstraße 35 unter einer großen Leuchtreklame eines früheren Berliner Geschäfts – die Geschichte aus dem Blog hier. Veröffentlicht am 2. Mai 2021.

Platz 2

Manufakturen-Blog: Frohstoff ist eine Siebdruckerei in Hamburg, die sich selbst 'Siebdruck- und Textilmanufaktur' nennt (obwohl sie die fertiggewebten Stoffe einkauft) - ich finde die von Hand im Einzeldruckverfahren gestalteten Geschirrtücher von den Motiven her schön und sie finden deshalb neben denen von echten Webereien (Manufaktur) Einsatz in meiner Küche. (Foto: Wigmar Bressel)

Frohstoff ist eine Siebdruckerei in Hamburg, die sich selbst ‚Siebdruck- und Textilmanufaktur‘ nennt (obwohl sie die fertiggewebten Stoffe einkauft) – ich finde die von Hand im Einzeldruckverfahren gestalteten Geschirrtücher von den Motiven her schön und sie finden deshalb neben denen von echten Webereien (Manufaktur) Einsatz in meiner Küche. Veröffentlicht am 9. Mai 2021.

Platz 3

Manufakturen-Blog: ...welch Lieblichkeit! Ein Lustschloss! Aber was macht es im Manufakturen-Blog? Na, dort im Marstall der Dornburger Schlösser mit Blick auf ebendieses Schlösschen begann im Jahr 1920 die Keramik-Werkstatt des Bauhauses ihre Arbeit; die berühmteste Studentin von Gerhard Marcks war Marguerite Friedländer, die später für die Königliche Porzellan-Manufaktur entwarf... (Foto: Wigmar Bressel)

…welch Lieblichkeit! Ein Lustschloss! Aber was macht es im Manufakturen-Blog? Na, dort im Marstall der Dornburger Schlösser mit Blick auf ebendieses Schlösschen begann im Jahr 1920 die Keramik-Werkstatt des Bauhauses ihre Arbeit; die berühmteste Studentin von Gerhard Marcks war Marguerite Friedländer, die später für die Königliche Porzellan-Manufaktur entwarf… Veröffentlicht am 24. April 2020.

Platz 4

Manufakturen-Blog: Schablonen für Löffel in der Besteckmanufaktur von Koch & Bergfeld in Bremen - so überprüft man, ob Rohlinge für Werkzeuge passen. (Foto: Wigmar Bressel)

Schablonen für Löffel in der Besteckmanufaktur von Koch & Bergfeld in Bremen – so überprüft man, ob Rohlinge für Werkzeuge passen. Veröffentlicht am 22. Dezember 2020.

Platz 5

Manufakturen-Blog: Solche Parfüm-Flakons machten den französischen Juwelier René Lalique berühmt - das Unternehmen im Elsaß hat heute ein tolles Werksmuseum in Wingen-sur-Moder, in dem eine Vielzahl von Glaspreziosen gezeigt werden. (Foto: Wigmar Bressel)

Solche Parfüm-Flakons machten den französischen Juwelier René Lalique berühmt – das Unternehmen im Elsaß hat heute ein tolles Werksmuseum in Wingen-sur-Moder, in dem eine Vielzahl von Glaspreziosen gezeigt werden. Der Beitrag zu meinem Besuch dort – hier. Veröffentlicht am 12. November 2020.

Platz 6

Manufakturen-Blog: Kaffeefilter aus KPM-Porzellan an der Wand als Deko - das bietet das KPM-Hotel & Residences im KPM-Quartier in der Berliner Wegelystraße - und auch im gesamten Haus natürlich das Manufaktur-Porzellan. (Foto: Wigmar Bressel)

Kaffeefilter aus KPM-Porzellan an der Wand als Deko – das bietet das KPM-Hotel & Residences im KPM-Quartier in der Berliner Wegelystraße – und auch im gesamten Haus natürlich das Manufaktur-Porzellan. Veröffentlicht am 29. April 2021.

Platz 7

Manufakturen-Blog: Die farbenfrohen Tassen der Bremer Keramikerin Tanja Möwis mit ihrem jeweils andersfarbigen "Sportstreifen"; Möwis leitete eine Keramik-Manufaktur, bevor sie sich selbständig machte. (Foto: Wigmar Bressel)

Meine farbenfrohen Tassen der Bremer Keramikerin Tanja Möwis mit ihrem jeweils andersfarbigen „Sportstreifen“; Möwis leitete eine Keramik-Manufaktur, bevor sie sich selbständig machte. Veröffentlicht am 13. März 2021.

Platz 8

Manufakturen-Blog: ...und da ist sie ja auch schon, die KPM, die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin; im Jahr 1763 gegründet, drei Jahre danach in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und von Friedrich dem Großen übernommen. Vor ungefähr 20 Jahren von Jörg Woltmann, einem Berliner Bankier, aus dem Eigentum des Bundeslandes Berlin erworben. (Foto: Wigmar Bressel)

…und da ist sie ja auch schon, die KPM, die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin; im Jahr 1763 gegründet, drei Jahre danach in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und von Friedrich dem Großen übernommen. Im Jahr 2006 von Jörg Woltmann, einem Berliner Bankier, aus dem Eigentum des Bundeslandes Berlin erworben. Veröffentlicht am 10. Februar 2021.

Platz 9

Manufakturen-Blog: Viele Kunsthandwerker wären gerne 'Manufaktur'; aber mit Schneidebrettern lässt sich in der Regel keine Manufaktur aufbauen und betreiben. Ich habe dieses Brett von 'Chiemgauer Schneidebretter' wegen seiner geometrischen Schönheit sofort gekauft - das Unternehmen hat sich trotz sehr vieler Insta-Follower inzwischen woandershin verlagert... (Foto: Wigmar Bressel)

Viele Kunsthandwerker wären gerne ‚Manufaktur‘; aber mit Schneidebrettern lässt sich in der Regel keine Manufaktur aufbauen und betreiben. Ich habe dieses Brett von ‚Chiemgauer Schneidebretter‘ wegen seiner geometrischen Schönheit sofort gekauft – das Unternehmen hat sich trotz sehr vieler Insta-Follower inzwischen woandershin verlagert… Veröffentlicht am 26. Februar 2021.

Platz 10

Manufakturen-Blog: Servierplatten aus der Porzellanmanufaktur Reichenbach, entworfen von Paola Navone; Familie Geithe von Reichenbach leistet ebenfalls erstklassige Arbeit sowie Insta-Arbeit für ihr Thüringer Unternehmen, das so manches Größere inzwischen überlebt hat. (Foto: Wigmar Bressel)

Servierplatten mit dem berühmten Perl-Rand aus der Porzellanmanufaktur Reichenbach, entworfen von Paola Navone; Familie Geithe von Reichenbach leistet erstklassige Arbeit sowie Insta-Arbeit (mehr als 4600 Abonnenten) für ihr Thüringer Unternehmen, das so manches Größere inzwischen überlebt hat. Veröffentlicht am 7. November 2021.

Fotos: Wigmar Bressel

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Zum 275. Geburtstag der Porzellanmanufaktur Fürstenberg

30. August 2022, Fürstenberg/Weser. Die älteste norddeutsche Manufaktur feiert in diesem Jahr ihren 275. Geburtstag: die Porzellanmanufaktur Fürstenberg in Fürstenberg oberhalb der Weser bei Höxter. Einst im Jahr 1747 auf Betreiben von Karl dem Ersten, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, gegründet, um das Fürstentum zu modernisieren, ist die Manufaktur heute sowohl ein staatlich-niedersächsisches Kulturgut, als auch ein Name und eine feste Marke auf der ganzen Welt für herausragendes deutsches Manufaktur-Porzellan. Zu Besuch am Tag der offenen Tür.

Als weißer Solitär steht die Manufaktur-Anlage oben am Berghang: Über der Weser thronend das urige Schloss im Stil der Weserrenaissance, dazugehörend die später gebaute und immer erweiterte Manufaktur mit ihren schlichten Gewerbebauten, Schornsteinen, Shed-Dächern; dann das Dorf Fürstenberg, das erst über hunderte von Jahren den Support für das Jagdschloss der Braunschweiger Herzöge stellte, nahtlos anschließend von Heerscharen von Drehern, Formenbauern, Porzellanmalern, Bossierern, Vergoldern, Brennmeistern und Hüttenknechten bewohnt wurde – den Manufakturmitarbeitern, in der Spitze um die 500, heute um die Einhundert, verstreut und pendelnd bis zu einer Stunde je Fahrt. Fürstenberg bot zwei entscheidende Vorteile: der große Wald des Sollings als Brennmaterial – und der Porzellanbestandteil Kaolin im Abbau im benachbarten Neuhaus.

Karl der Erste war der große Modernisierer in seinem Teil des heutigen Niedersachsen: Er etablierte eine öffentliche Brandkasse (aus der die heutige ÖVB-Versicherung hervorging), gründete als ‚Collegium Carolinum‘ die spätere Technische Universität Braunschweig, beschäftigte Gotthold Ephraim Lessing als Hofbibliothekar, sanierte die Saline Schöningen – und gründete die Bank, die die Basis für die heutige NORD/LB bildete. Und eben Fürstenberg – unabhängig werden vom Import des begehrten „weißen Goldes“ aus Sachsen (Meissen), Berlin (KPM) und Übersee. Nach jahrelangen Selbstversuchen wurde entnervt ein Mitarbeiter der Höchster Porzellanmanufaktur abgeworben…

Zwei Weltkriege und der Absturz der deutschen Adelshäuser in die politische Bedeutungslosigkeit in der Geschichte der Bundesrepublik ließen vergessen, dass Braunschweig einmal zu den europäischen ‚Big Playern‘ gehörte: Karls Vorfahren gründeten Bayerns heutige Hauptstadt München und waren mit der Schwester des englischen Königs Richard Löwenherz verheiratet, Karls Sohn Karl Wilhelm Ferdinand versuchte die Französische Revolution zu stoppen, drohte den Aufständischen in Paris mit „Artillerie-Bombardement“ (das ging gründlich schief – schlage nach unter: „Guillotine“), wurde Anführer der Alliierten europäischen Truppen gegen Napoleon (und im Jahr 1806 auf dem Schlachtfeld von Auerstedt tödlich verwundet),

Manufakturen-Blog: Die Schlossanlage in Fürstenberg - erst Jagdschloss, dann Manufaktur-Heimat (Foto: Martin Specht)

Die Schlossanlage in Fürstenberg – erst Jagdschloss, dann Manufaktur-Heimat (Foto: Martin Specht)

Manufakturen-Blog: "Verputzen" des Niedersachsenpferds - Wahrzeichen des Bundeslandes, oft Staatsgeschenk der Landesregierung (Foto: Wigmar Bressel)

„Verputzen“ des Niedersachsenpferds – Wahrzeichen des Bundeslandes, oft Staatsgeschenk der Landesregierung

Manufakturen-Blog: Von Fürstenberg gibt es Handmalerei und eingebrannte vorgedruckte Dekore (Foto: Wigmar Bressel)

Von Fürstenberg gibt es Handmalerei und eingebrannte vorgedruckte Dekore

Manufakturen-Blog: Der Zweckbau der Manufaktur aus den 1970er Jahren nach einem Brand im Schloss (Foto: Wigmar Bressel)

Der Zweckbau der Manufaktur aus den 1970er Jahren nach einem Brand im Schloss

eine weitere Nachfahrin wurde Königin von Griechenland und Mutter der spanischen Königin Sophia… Wenn man heute über das Bild von Niedersachsen nachdenkt, dann denkt man an Land- und Viehwirtschaft, vielleicht noch Kalibergbau – und Landschaft vom Harz über die Lüneburger Heide bis zur Nordsee; ‚Braunschweig‘ spielt trotz seiner Vergangenheit im Bewusstsein heute kaum eine Rolle.

Im Jahr 2017 wurde in den südwestlichen Vorposten des Landes von der Landesregierung kräftig investiert: Fünf Millionen Euro flossen in die Sanierung des Schlosses und des Museums. Der Betrieb ist sowieso auf dem technisch aktuellen Stand: Am Herdwagenofen werden die Gestelle mit den zu brennenden Halbfertigteilen teilautomatisch in den Brennraum gehoben, in Abkühlräumen können die „Scherben“ genannten Stücke individuell über bis zu sechs Wochen ihre Hitze abgeben, übersichtlich und klar ist jeder Arbeitsschritt (modellieren, verputzen, Glühbrand bei 980 Grad Celsius, lackieren oder bemalen oder dekorieren, abermaliges Brennen bei 1400 Grad Celsius).

Interessante Designer halfen, das Image aus der Zeit des Rokoko-Porzellans herumzureißen: Wilhelm Wagenfeld, Sieger-Design, EOOS, Alfredo Häberli, zuletzt Foster plus Partner. Und mit Sieger begann der Siegeszug der innenvergoldeten Champagner-Porzellanbecher, Solitäre, die unabhängig vom eigenen Geschirr zuhause, gesammelt werden – darauf Motive von Superhelden bis zum T-Rex. Die Sammeltasse von heute.

Trotzdem – auch Fürstenberg hat seinen täglichen Kampf zu kämpfen. „Fürstenberg? Liegt in der Mitte des größten deutschen Autobahnrings! In jede Richtung 60 Kilometer…“, witzelte Stephanie Saalfeld, die langjährige damalige Geschäftsführerin der Porzellanmanufaktur Fürstenberg, gerne. Und Dr. Christian Lechelt, seit dem Jahr 2016 Direktor des dazugehörigen Firmenmuseums im Schloss, antwortete am Sonntag auf die Frage „Wie geht’s?“ mit: „Das Weser-Bergland ist vielen Menschen unbekannt, das erlebe ich auf den Tourismus-Messen – da müssen wir alle hier uns noch kräftig anstrengen.“ Er meint damit die Schlösser und Sehenswürdigkeiten, die sich entlang des niedersächsisch-nordrheinwestfälisch-bremischen Grenzflusses aneinanderreihen; der dazugehörige Weser-Radwanderweg wurde zwar mehrfach zum Schönsten in Deutschland gewählt – aber die Infrastruktur ist mäßig: zu wenig Betten, schlichteste Gastronomie, kaum ergänzender Öffentlicher Nahverkehr. Lechelt sagt: „Das dreht sich im Kreis: Wegen fehlender Betten und Touristen zu wenig Gastro; wegen fehlender Gastro zu wenig Touristen. Wer baut dann für Betten? Wer macht den ersten Schritt?“ Bezeichnenderweise ist auch das schlosseigene Bistro ‚Carl‘ ohne Pächter.

Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte Fürstenberg 100 000 Besucher im Jahr – heute freute man sich über ein Drittel. Immerhin: Allein am Sonntag kamen trotz gesperrter Weserbrücke von und nach Höxter 3100 Gäste, also zehn Prozent eines guten Besucherjahres aufeinmal. War es Verbundenheit, Ausflug, Unterhaltung? Fast egal, für handgefertigtes deutsches Porzellan gilt: im Bewusstsein der Gesellschaft bleiben.

Fotos: Wigmar Bressel, Martin Specht (1)

 

 

 

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Die Messer-Manufaktur Böker: Von der Kastanie zum Rasiermesser

7. Mai 2021, Solingen. Die Geschichte der heutigen Schneidwarenmanufaktur Böker ist eng verbunden mit einer Kastanie, die irgendwann im 17. Jahrhundert auf dem Gelände einer Remscheider Werkzeugschmiede gestanden haben muss. Jedenfalls ließ sich die Familie Böker im Jahr 1674 ein Wappen mit dem Baum und einem darunter fließenden Fluss als Hausmarke für die von ihr hergestellten Werkzeuge eintragen. Im Sommer 2020 fällt mein Blick auf die stilisierte Kastanie im Firmenlogo der Heinrich Böker Baumwerk GmbH, während ich vom Parkplatz zum modernen Firmengebäude in Solingen gehe. Mit mehreren Metern Durchmesser prangt die Darstellung an der Außenfassade.

Darunter steht eine Handvoll Menschen mit Gesichtsmasken vor dem Eingang zum Werksverkauf. Wegen der Coronakrise darf nur jeweils eine begrenzte Zahl ins Innere. Die potenziellen Kunden fassen sich darum in Geduld und freuen sich über das schöne Wetter. Im Hintergrund befindet sich ein altes Backsteingebäude, hier wurde im Jahr 2019 anlässlich des 150jährigen Bestehens der Schneidwarenmanufaktur Böker ein kleines Museum eingerichtet.

Bei meinem Besuch scheint eine hochsommerliche Nachmittagssonne auf das nun wieder leere – aber immer noch historische – Bauwerk. Ebenso wie die Architektur der Firmengebäude hat sich das Logo mit dem Baum im Laufe der Jahrhunderte verändert, – und auch der Standort der Manufaktur hat sich von Remscheid nach Solingen verlagert. Doch um der Symbolik des Baumes gerecht zu werden: Die Verwurzelung in der Region und die damit verbundene Tradition der Schneidwarenherstellung ist geblieben. Allerdings unterlag sie einer Art Evolution, denn wenn die Wurzeln der Bökerschen Manufaktur auch nach wie vor im Bergischen Land liegen, so erstrecken sich deren Zweige doch mittlerweile auf gleich mehrere Kontinente.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen die Brüder Hermann und Robert Böker Deutschland. Hermann Böker gründete ein Unternehmen in den USA, Robert Böker zuerst in Kanada und später in Mexiko. Beide taten dies unter dem Namen Böker – beziehungsweise Boker in den USA – und behielten den Baum als Kennzeichen ihrer Produkte. Ein Cousin der beiden, Heinrich Böker, siedelte sich mit seiner Schneidwaren-Manufaktur im Jahr 1869 in Solingen an. Auch er blieb dem Familiennamen Böker und dem Baum-Logo treu.

„Unser Kundenkreis ist global“, sagt Kirsten Schulz-Dalichow, Geschäftsführerin der Heinrich Böker Baumwerk GmbH. „Heute sind wir weltweit vertreten und können ja auch auf eine sehr lange Tradition zurückblicken. Die Böker-Familie war schon immer sehr international und Familienmitglieder sind nach Nord-und Südamerika ausgewandert. Dadurch ist schon sehr früh ein internationales Netzwerk entstanden und der Bekanntheitsgrad der Marke ist dadurch in diesen Ländern vorhanden.“

Kirsten Schulz-Dalichow leitet das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Bruder Carsten Felix-Dalichow, deren Vater hatte das Unternehmen von der Familie Böker übernommen. Kirsten Schulz-Dalichow ist seit 2003 für die Produktion verantwortlich, ihr Bruder für den kaufmännischen Bereich. Böker hat am Standort Solingen etwa 100 Beschäftigte, unterhält aber auch in den USA eine Niederlassung mit etwa 20 Angestellten, die mit der Distribution der Produkte auf dem nordamerikanischen Markt betraut sind, und betreibt in Argentinien eine Tochterfirma, die hauptsächlich Jagd- und Outdoor-Messer der Marke Arbolito – übersetzt Bäumchen – fertigt. Außerdem vertreibt Böker Schneidwaren und Messer einer ganzen Reihe von Firmen auf dem europäischen Markt. Aktuell gehören etwa 6.000 unterschiedliche Produkte zum Sortiment.

„Kann man bei dieser Unternehmensgröße und Struktur eigentlich noch von einer Manufaktur sprechen?“ frage ich Kirsten Schulz-Dalichow. „Wir leben den Manufaktur-Gedanken absolut“, antwortet sie. „Das ist unsere Philosophie, das ist unser Anspruch, – das ist aber auch das, was der Kunde wünscht. Man sieht es an unseren Produkten. Es ist alles andere als eine Massenproduktion, eine Fabrik oder eine Automation. Bei uns gibt es keine Roboter. Wir begrenzen ja auch unsere Stückzahlen sehr stark. Weil wir viele Sammler als Kunden haben, limitieren wir die Auflagen unserer Produkte.“ Tatsächlich fertigt Böker diverse Messer, die – obwohl zum Gebrauch geeignet – als Sammlerstücke einen hohen Wert haben, darunter solche, deren Klingen aus Damast und historischen Stählen bestehen.  Die Messer der Marke „Böker Manufaktur Solingen“ werden komplett in Handarbeit in der Manufaktur gefertigt, der Fertigungsprozess folgt der mehr als 150jährigen Tradition.

Hat sich für Kirsten Schulz-Dalichow etwas am Verständnis des Begriffes Manufaktur in einer globalisierten Welt verändert? „Ja, schon“, sagt sie. „Wir vermitteln den Manufaktur-Gedanken heute nach außen und führen ihn auch im Firmennamen. Das ist etwas, das sich in den zurückliegenden 20 Jahren verändert hat. Die Produktion ist die gleiche geblieben, aber es hat sich insofern verändert, dass wir es auch zeigen. Deswegen laden wir unsere Kunden regelmäßig zu uns ein. Einmal im Monat findet eine Führung statt. Danach sehen die Kunden die Messer mit anderen Augen und verstehen die Preise besser, wenn sie sehen was dahintersteckt und durch wie viele Hände so ein Messer während der Fertigung läuft.“

Und welche Faktoren könnten in Zukunft den Begriff „Manufaktur“ beeinflussen? „Wir merken heute schon, dass das Thema Nachhaltigkeit mehr Gewicht bekommt“, so Kirsten Schulz-Dalichow. „Das greifen wir natürlich gerne auf. Damit eben keine Wegwerfkultur entsteht und die entsprechenden Materialien verwendet werden. Auch was die Verpackung betrifft.“

Das Thema Nachhaltigkeit bringt uns zu dem – meiner Ansicht nach – spannendsten Produkt im Sortiment Bökers: dem Rasiermesser. Der Gebrauch eines handgefertigten Rasiermessers mit quasi unbegrenzter Lebensdauer entspricht selbstverständlich eher der Idee der Nachhaltigkeit, als der eines Einwegrasierapparates aus Kunststoff oder eines Elektrogerätes. Doch die Herstellung eines Rasiermessers ist mit das Aufwendigste, das es in der Schneidwarenherstellung gibt. Der Schliff der Klinge gilt unter Experten als extrem schwierig und die Fähigkeit der Solinger Messerschleifer, diese Klingen in exzellenter Qualität schleifen zu können, hat im 19.Jahrhundert wesentlich zum Aufstieg und dem Weltruf Solingens beigetragen.

Manufakturen-Blog: Das historische, riesige Werk von Böker in Solingen im Jahr 1914 (Foto: Böker)

Das historische, riesige Werk von Böker in Solingen im Jahr 1914

Manufakturen-Blog: Kirsten Schulz-Dalichow und Carsten Felix-Dalichow haben die Messerschmiede Böker von ihren Eltern übernommen und führen sie gemeinsam (Foto: Böker)

Kirsten Schulz-Dalichow und Carsten Felix-Dalichow haben die Messerschmiede Böker von ihren Eltern übernommen und führen sie gemeinsam

Manufakturen-Blog: Beim Ätzen erhält die Rasierklinge ihre Aufschrift (Foto: Martin Specht)

Beim Ätzen erhält die Rasierklinge ihre Aufschrift

Manufakturen-Blog: Die Hohlklinge eines Rasiermessers muss hart und elastisch zugleich sein - Test am Daumenangel (Foto: Martin Specht)

Die Hohlklinge eines Rasiermessers muss hart und elastisch zugleich sein – Test am Daumenangel

Die Klinge eines Rasiermessers muss zum Einen extrem scharf – also dünn –  sein, gleichzeitig aber auch biegsam, damit sie sich der Hautoberfläche anpasst. Wäre sie nur dünn, wäre die Klinge instabil und ließe sich nicht führen. Die erforderliche Stabilität wird mittels des sogenannten Hohlschliffs erzielt. Der Rücken der Klinge bleibt in einer gewissen Breite erhalten, während diese zur Schneide hin hohl ausgeschliffen wird. Zumindest wenn man es einfach ausdrückt. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Arten des Hohlschliffs: derb, halbhohl, dreiviertelhohl, vollhohl und extrahohl. Mit Ausnahme der derben Schleifvariante wird die Klinge so geschliffen, das zwei aneinander liegende Hohlungen entstehen, die durch einen leicht erhabenen Wall, der horizontal über die Länge der Klinge verläuft, voneinander getrennt sind. All dies muss zwingend von Hand gemacht werden, – und zwar von einer Hand, die weiß was sie tut und über die notwendige Erfahrung verfügt.

„Böker war schon vor 100 Jahren für Rasiermesser sehr guter Qualität bekannt“, sagt Kirsten Schulz-Dalichow, betont aber auch: „Das Schleifen von Rasiermesserklingen kann längst nicht jeder. Man braucht sehr, sehr viel Erfahrung bis man das tatsächlich so beherrscht, dass wir auch damit zufrieden sind.“ Da nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion von Rasiermessern in ganz Europa mit dem Aufkommen von Einwegrasierklingen zunehmend reduziert, und in vielen Betrieben schließlich ganz eingestellt wurde, ließen sich im Zuge der Renaissance klassischer Rasiermesser jedoch nicht so ohne weiteres Messerschleifer finden, die noch über das erforderliche Wissen verfügten. Kirsten Schulz-Dalichow berichtet von der Wiederaufnahme der Produktion: „Wir haben vor zehn Jahren wieder mit der Rasiermesser-Produktion angefangen. Nach dem Krieg – nachdem Wilkinson und Gilette auf den Markt gekommen sind – hat Böker keine Rasiermesser mehr gefertigt. Das war nach dieser Entwicklung erstmal uninteressant. Doch vor etwa zehn Jahren sind wir immer wieder darauf angesprochen worden. Es gab also noch Kunden, und da haben wir uns überlegt, dass wir in diesen Markt rein müssten. Wir haben dann tatsächlich bei Null angefangen, da wir nichts mehr hatten, auf das wir zurückgreifen konnten. Wir haben eine alte Schleifmaschine speziell für den Hohlschliff bei der Rasiermesserklingen-Fertigung im Industriemuseum gekauft und aufbereitet. Wir hatten auch das Glück, dass in Solingen das entsprechende Knowhow noch immer vorhanden ist. Es gibt alte Schleifer, die dieses Wissen noch besitzen und die haben dann unsere jungen Beschäftigten ausgebildet.“

Diese neue Generation von Messerschleifern ist hochmotiviert und froh, einen Zugang zu den Fähigkeiten zu haben, die den Ruf Solingens einst begründeten. Dass sie auch selbst diesem Ruf gerecht werden, zeigt, dass im Jahr 2018 der beste Ausbildungsabsolvent im Bereich ‚Fachbereich Metalltechnik-Fachbereich Zerspanungstechnik‘ aus dem Hause Böker stammte. In einfachen Worten: Es handelt sich um Deutschlands besten Handschleifer. Heute bereitet sich der junge Mann in der Schneidwarenmanufaktur Böker auf seine Meisterprüfung vor.

„Auch unsere anderen Mitarbeiter sind Weltklasse“, so die Geschäftsführerin. „Mehr als zwei Drittel unserer Mitarbeiter sind auch von uns ausgebildet worden. Wir verstehen uns als Familie.“

Anders als in vielen anderen Bereichen des Handwerks, hat die Manufaktur kein Problem damit, ausbildungswilligen und ausreichend motivierten Nachwuchs zu finden. „Viele junge Leute, die das Messer-Virus in sich tragen, die ziehen nach Solingen, um sich von uns ausbilden zu lassen“, sagt Kirsten Schulz-Dalichow.

Doch zurück zum Rasiermesser: „Wir haben neues Wissen mit dem alten Wissen verbunden und so die Fähigkeiten und Voraussetzungen für die Rasiermesserproduktion geschaffen. Die wächst von Jahr zu Jahr, und wir könnten sogar mehr verkaufen, wenn wir mehr produzieren würden.“

Ein boomender Markt also – und das mit einem, im Grunde genommen historischen Werkzeug, das bei richtiger Pflege Generationen überdauern kann. Wie lässt sich dies unter einen Hut bringen? Marketingleiter Thomas Wurth bemerkt dazu: „Die Wettbewerbsintensität ist in der Rasiermesserherstellung nicht gegeben, weil die Fertigung so anspruchsvoll ist. Es gibt weltweit nur eine Handvoll Unternehmen, die diese geschmiedeten Rasiermesser überhaupt produzieren können. Zumindest in guter Qualität. In den letzten Jahren hat die Nachfrage unsere Produktionskapazitäten deutlich überschritten.“ Um diese Nachfrage auch weiterhin am Leben zu erhalten, setzt die Manufaktur auf eine Strategie der Verschmelzung von Tradition und Moderne. Zum Einen finden sich in den Archiven von Böker noch die historischen Designs der seinerzeit gefertigten Rasiermesser, auf die in der Ideenfindung zurückgegriffen werden kann, zum Anderen werden aber auch bewusst spektakuläre Innovationen auf den Markt gebracht. Man möchte mit den Rasiermessern am Puls der Zeit bleiben. „Barbershops sprießen wie Pilze aus dem Boden“, sagt Thomas Wurth. „Jedes Jahr haben wir haben wir zwei Kooperationen mit Barbieren, mit denen wir gemeinsam Messer entwickeln. Die sind limitiert auf jeweils 99 Stück. Das kommt super an!“  Außerdem, so der Marketingleiter: „Das Thema klassische Nassrasur erlebt auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit einen Boom.“

Der Bogen führt von der Tradition über die Nachhaltigkeit zu den Erfordernissen marktspezifischer Innovation und einer Gestaltung, die auch moderne Menschen anzusprechen vermag. Beim Rasiermesser, dessen Form im Wesentlichen durch Funktion und Handhabung vorgegeben ist, sind spannende Innovationen nicht unbedingt einfach zu erfinden. Bei den modernen Designs arbeitet Böker darum mit außergewöhnlichen Griffmaterialien, wie zum Beispiel Abalone oder Carbon. Die Rasiermesserklingen werden mit aufwendigen Ätzungen oder Gravuren versehen, einige sind aus Damast gefertigt. Hohe Handwerkskunst also. Um dies auch in Zusammenhang mit der Konzeption einer modernen Schneidwarenmanufaktur zu setzen, hat Böker eigens ein Rasiermesser „Manufaktur“ kreiert. Auf dem Griff, dessen Material dem historischen Schildpatt nachempfunden ist, ist der Schriftzug „Manufaktur“ in Neusilber intarsiert. „Wir wollten damit zeigen, dass die Rasiermesserfertigung bei uns sehr authentisch ist“, sagt Kirsten Schulz-Dalichow. „Jede Klinge wird von Anfang bis Ende von Hand geschliffen. Wie auch vor 100 Jahren. Darauf wollten wir noch einmal mit dem Produkt, das die Bezeichnung ’Manufaktur’ trägt, aufmerksam machen.“ Interessant, dass nach mehr als 150jähriger Tradition eines der ältesten –  in der Herstellung mit am Aufwendigsten – Erzeugnisse der Manufaktur heute wieder hochaktuell ist.

Fotos: Martin Specht, Böker

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Stephanie Saalfeld verlässt die Porzellanmanufaktur Fürstenberg

11. März 2021, Fürstenberg/Weser. Überraschung für die Porzellanwelt: Stephanie Saalfeld, seit 23 Jahren das Gesicht der niedersächsischen Porzellanmanufaktur Fürstenberg und elf davon als alleinige Geschäftsführerin, verließ im Februar 2021 das niedersächsische Pendant zum sächsischen Nationalheiligtum Meissen. Eine plötzliche Entscheidung offensichtlich – ein Interimsmanager musste her.

In knappen Worten heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmens: „Unter ihrer Leitung wurde die Marke ‚Fürstenberg‘ als Premium-Marke weiterentwickelt und stand national wie auch international für Innovation, Qualität, Produktion in Deutschland sowie für handwerkliche Präzision. Stephanie Saalfeld hat die Porzellanmanufaktur auf eigenen Wunsch verlassen. Neuer Geschäftsführer ist seit dem 22. Februar 2021 der erfahrene Interims Manager André Neiß.

Der Aufsichtsrat dankt Frau Saalfeld für ihre langjährige Tätigkeit, ihr großes Engagement für das Unternehmen und wünscht Frau Saalfeld für die Zukunft alles Gute.“

Die berühmte Manufaktur, gegründet im Jahr 1747 durch Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel – ist heute immer noch in niedersächsischem Staatsbesitz und soll das erklärtermaßen auch bleiben, wie Ministerpräsident Stephan Weil erst am 4. Januar 2021 von der Deutschen Presseagentur (dpa) – von dieser unter dem Corona-Eindruck (wegen ihrer Kostenverursachung für den Landeshaushalt) nachgefragt – zitiert wurde: „Wir sind der Auffassung, dass wir solche kulturhistorisch wertvollen Institutionen erhalten sollten. Das fällt uns mal leichter, mal schwerer. … Es ist eine der ältesten und wichtigsten deutschen Porzellan-Manufakturen. Ich würde davor warnen, dass wir jetzt zu einem Ausverkauf von kulturellem Erbe kommen.“

Fürstenberg hat vor vier Jahren unter Saalfelds Führung erst seinen ‚Mitmach-Bereich‘ für Besucher und den musealen Teil im historischen Jagdschloss mit großem Aufwand (ca. 5 Mio. Euro) auf den neuesten Stand gebracht.

Foto: Martin Specht

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Strickkrawatten ‚Made in Germany‘ – von Ascot in Krefeld

3. Februar 2021, Krefeld. Ich bin ein großer Fan von Strickkrawatten. Mit ihrer Struktur und ihrem lässigen Aussehen geben sie einem Outfit das gewisse Etwas. Gleichzeitig wirken sie förmlich genug, um sie zu einem Anzug zu tragen. Sie werden aus verschiedenen Materialien wie Seide, Wolle, Kaschmir, Baumwolle oder Mischgeweben hergestellt. Ich persönlich mag es auch in diesem Punkt klassisch und bevorzuge Strickkrawatten aus Seide. Ich habe viele Hersteller probiert, um die richtige Krawatte zu finden, aber einer ist und bleibt mein Favorit … und er befindet sich ganz in der Nähe von meinem Zuhause. Ich spreche vom Krawattenhersteller Ascot aus der deutschen Seidenstadt Krefeld. Das Unternehmen fertigt seit über 100 Jahren Krawatten von Hand. Es verfügt darüber hinaus über die erforderlichen Maschinen zur Herstellung von Strickkrawatten, die sie seit Jahrzehnten für zahlreiche namhafte Modehäuser produzieren.

Karl Moese, der Urgroßvater der heutigen Eigentümer, war ein Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Qualität und Schönheit. Er war sehr elegant, doch gleichzeitig etwas reserviert und kein besonders guter Geschäftsmann. Trotzdem gründete er im Jahr 1908 ein Unternehmen mit dem Ziel, die besten Krawatten der Welt herzustellen. Doch ohne seine Frau Gertrud hätte es wohl nicht lange bestehen können. Sie war eine clevere Geschäftsfrau und wusste, wie man ein Unternehmen führt. So entstand die perfekte Kombination eines brillanten kreativen Kopfes und eines ausgeprägten Geschäftssinns. Es war Gertrud, die das Unternehmen durch zwei Weltkriege hindurchbrachte, und Karl, der stets dafür Sorge trug, dass die Qualität der Krawatten erstklassig blieb.

Trotz der harten Arbeit hatte das Paar natürlich auch ein Familienleben. Ihr Sohn Erwin teilte die Leidenschaft und den Enthusiasmus für Krawatten mit seinen Eltern. Auf einer Reise nach England, die Erwin Ende der 1940er-Jahre unternahm, besuchte er das berühmte Royal-Ascot-Pferderennen und war angesichts der gutgekleideten Briten dort begeistert. Nachdem er all die elegante Bekleidung und insbesondere zahlreiche tolle Krawatten erleben durfte, entschied er, dass Ascot der ideale Markenname wäre. So kam es dann auch und der Name ist bis heute geblieben.

Das Unternehmen wuchs und entwickelte sich weiter. Erwin entpuppte sich als guter und empathischer Verkäufer und die Kunden verbrachten gern Zeit mit ihm und kauften mit Freude seine Produkte. Erwin war mit Hilde verheiratet und sie hatten gemeinsam zwei Kinder. Eines davon war Wolfgang, Erwins Nachfolger. Doch bevor er die Geschäfte übernahm, sandte ihn Erwin nach Lyon und Como, um das Handwerk zu erlernen. Lyon und Como waren – wie Krefeld – europäische Zentren der Seidenweberei und ideale Orte dafür. Nach seiner Rückkehr übernahm er das Unternehmen mit dem Ziel, es zu großen Erfolgen zu führen. Zusammen mit seiner Frau Helga hatte er zwei Kinder: Jan und Barbara, die das Unternehmen heute führen.

Wolfgang tat sich mit Hermann-Kurt Schwartz zusammen und gemeinsam schafften sie es, das Unternehmen auf der internationalen Bühne zu etablieren. Es waren diese beiden, die damit begonnen haben, an Messen wie der SEHM in Paris und der ‚Pitti Uomo‘ in Florenz teilzunehmen, um internationale Kunden und Vertreter zu treffen. Dies wird auch heute noch fortgeführt. Jan und Barbara bringen die Krawatte mit innovativen Ideen ins 21. Jahrhundert.

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…das Garnlager…

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Ein Mitarbeiter kontrolliert die Einstellung am Strickstuhl

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Manufakturen-Blog: „Knit Ties“ – Strickkrawatten kommen aus Deutschland nur noch von Ascot (Foto: Ascot)

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich das erste Mal die Manufaktur in Krefeld betreten habe. Genau genommen begann das Erlebnis bereits auf dem Parkplatz, von wo aus ich den Prozess der Krawattenherstellung bereits durch das Fenster hindurch beobachten konnte. Im ersten Bereich, in den Jan mich führte, werden die Seidenstoffe für die klassischen Krawatten zugeschnitten. Es stehen verschiedene Schnittmuster für Fliegen, Krawatten, Krawattenschals und sogar siebenfach gefaltete Krawatten zur Verfügung. Die Stoffe werden zugeschnitten. Bei teilautomatisiert gefertigten Krawatten wird die Einlage von einer Maschine mit dem Seidenstoff vernäht und dieser anschließend von einer Näherin nach außen gestülpt. Im Anschluss ist die Krawatte – nach einigen letzten Detailarbeiten und dem Bügeln – für den Versand bereit. Wenn der Stoff in der Abteilung für vollständig handgemachte Krawatten weiterverarbeitet wird, legt eine Näherin zunächst die Einlage ein, faltet den Stoff um diese herum und sichert diesen mit Stecknadeln, sodass alles an seinem Platz bleibt. Anschließend verschließt sie die Krawatte mit einer von Hand platzierten Naht. Hierbei handelt es sich um einen sehr arbeitsintensiven Prozess, der in einem ruhigen Raum bei vollster Konzentration erfolgt. Sowohl die teilautomatisiert als auch die komplett von Hand gefertigten Krawatten von Ascot sind von exzellenter Qualität und ich trage sie seit vielen Jahren mit großer Freude. Doch das ist noch nicht alles, was Ascot zu bieten hat. Ein ganz besonderes Produkt des Unternehmens ist eines meiner Lieblingsaccessoires. Ich spreche von den Strickkrawatten.

Strickkrawatten werden aus Seide, Wolle oder sogar Kaschmir hergestellt und sind in verschiedenen Strukturen, Farben und Dessins verfügbar. Und alle von ihnen werden auf eindrucksvollen alten Maschinen gefertigt, die noch aus den 1950er-Jahren stammen und seitdem nicht verändert wurden. Denn warum sollte man etwas ändern, wenn eine neue Maschine die Aufgabe auch nicht besser erledigen kann? Die alten Maschinen stehen für die Qualität aus der guten alten Zeit, als Strickkrawatten den klassischen Krawatten fast den Rang abliefen. Ascot wurde so berühmt für die Herstellung von Strickkrawatten, dass viele renommierte Modehäuser und -marken ihre Strickkrawatten bei Ascot produzieren lassen. Schauen Sie sich die Strickkrawatten, die Sie besitzen, einmal genau an: Wenn auf dem Etikett „Made in Germany“ steht, können sie nur von Ascot stammen. Das gilt unabhängig davon, bei welchem Modehaus, Geschäft oder von welcher Marke Sie diese erworben haben. Ascot ist das einzige Unternehmen in Deutschland, das noch Strickkrawatten herstellt.

Nachdem die Krawatten langsam auf den großen alten Maschinen aus Seiden-, Woll- oder Kaschmirgarnen gestrickt wurden, werden sie von Näherinnen verschlossen. Dabei handelt es sich um eine Arbeit, die viel Präzision erfordert. Anschließend wird noch ein Etikett aufgebracht und das Produkt ist für den Versand bereit.

Die Vielfalt an Texturen ist der interessanteste Aspekt dieser Strickkrawatten. Mein Favorit ist eine dicke Textur mit knirschendem Griff, die den schönen französischen Namen „Cri de la soie“ trägt. In der Hand fühlt sie sich knirschend und steif an, doch sie ermöglicht einen traumhaften Knoten. Weiterhin gibt es einige flachere Texturen, bei denen sich eine leichte Zickzack-Struktur auf der Krawatte erkennen lässt. Die Optik der klassischen Strickkrawatte ist häufiger anzutreffen, während glattere Stricktexturen vornehmlich mit Woll- oder Kaschmirstoffen realisiert werden. Natürlich gibt es eine große Vielfalt an Dessins. Ein Beispiel sind Punkte, die üblicherweise nach dem Stricken mit einer dem Sticken ähnelnden Technik aufgebracht werden, sowie Streifen oder Birdseye-Muster, die in die Krawatte eingewebt werden.

Das ist eine der Spezialitäten von Ascot in Krefeld geworden. Es handelt sich dabei nicht nur um den letzten deutschen Hersteller von Strickkrawatten, sondern auch um eines von weniger als 10 Unternehmen weltweit, die diese Technik noch beherrschen. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Strickkrawatten im letzten Jahr deutlich gestiegen.

Ascot unterhält einen der allerletzten Produktionsstandorte für Krawatten in Deutschland. Viele Unternehmen haben ihre Produktion über die Jahre verlagert oder aufgegeben. In Deutschland gibt es nur noch zwei Krawattenhersteller. Ascot ist freilich der einzige davon, der Strickkrawatten anbietet. Auch zahlreiche der lokalen Zulieferer des Unternehmens haben ihre Tätigkeit aufgegeben oder sind ins Ausland gegangen. Im Gespräch mit Jan über die heutige Bedeutung des Standorts Krefeld als Seidenstadt erzählte er mir, dass es vor Ort nur noch eine Seidenweberei gibt. Ascot arbeitet natürlich mit ihr zusammen, aber inzwischen kommt der überwiegende Teil der eingesetzten Seidenstoffe und Garne aus Italien und England, wo es noch eine Seidenindustrie gibt. Bei Ascot handelt es sich also um eines der letzten Unternehmen in Krefeld, das im Seiden- und Krawattenhandwerk tätig ist.

Fotos: Ascot


Dieser Text über Ascot erschien zuerst im Blog von Tim Mureau. Er wurde aus dem Englischen von Wieners + Wieners übersetzt.

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Henry’s Eismanufaktur – oder: Vom Versuch, das perfekte Eis zu machen

29. Juni 2020, Saarbrücken. Die Corona-Krise beschleunigt auch die Diskussion, wie wir leben wollen: Globalisiert – oder doch lieber regional? Ist die Produktionsart unserer Güter egal – oder haben wir nur Spaß daran, wenn wir möglichst alles über sie wissen? Reicht uns das Fleischlabel mit der Güteklasse ‚1‘ (industriell) – oder muss es ‚bio‘ sein? Versuchen wir vegan zu leben – oder ist der Mensch das ‚Raubtier‘? Lästigerweise mutiert die Eisdiele an der Ecke sich vielerorten verbal und aus Gründen des Marketings zur Eismanufaktur, obwohl sie nur die (übertragene) Güteklasse ‚1‘ verdiente (Grundeispaste „selbstvermischt“ mit verschiedenen Industrie-Geschmäckern und Halbfertigprodukten), wie es die FAZ in einem Wutanfall im Jahr 2016 kritisierte. Was also tun, wenn man selbst eine Eismanufaktur nach Definition des Manufaktur-Begriffs ist? Ein Besuch bei Henry’s Eismanufaktur in Saarbrücken. Zur Nachahmung empfohlen.

Eigentlich hatte ich gedacht, ich hätte die Evolution des Speiseeises verstanden: Vom luxuriösen Nachtisch im Restaurant, dem Auftauchen der Italiener in den 1960er Jahren, die ständig verfügbare Fürst-Pückler-Rolle im kleinen Supermarkt meiner Großeltern… dann kam Mövenpick mit ‚Marple Walnuß‘, Häagen Dazs, Ben & Jerry‘s… zuletzt weitere, immer hippere Marken… Seit einigen Jahren: Bio-Eis. Zum Beispiel ‚Snuten lekker‘ aus dem Bremer Blockland.

Jetzt strahlt ein neuer Stern am Horizont – im Saarland, da wo es so viele Sterne-Restaurants gibt, in der Nähe zu Frankreich, wo die Menschen es sich abgeguckt haben, besser zu essen – und viel mehr Geld dafür auszugeben. Dort hat Dominik Heil sein Unternehmen begründet. Doch trotzdem beginnt seine Geschichte an der Nordsee, auf der Insel Langeoog, da wo es auch Eis gibt – aber kein so gutes… Da wo der kühle Wind den Geist freibläst – und manchmal auch Gedanken von ihrem kreisenden Spreu befreit.

Am Strand wurde Henry zum Wappentier berufen – der Weimaraner-Labrador-Rhüde des späteren Gründers, vorgeschlagen von einem britischen Urlauberpaar, das Heil um seine Meinung zu seiner Eisselbständigkeit fragte, die ihm schon so lange durch den Kopf ging. Ihm – dem Mann aus der Automobilindustrie. Mit seinem Team aus bis zu 40 Kollegen organisierte er die Belieferung von VW-Konzerntöchtern mit vielen Millionen Bauteilen eines amerikanischen Zulieferers. Natürlich im Jahr. „Es wurde mir im Laufe der Zeit trotzdem zu langweilig“, sagt Heil heute. Kaum aus dem Urlaub zurück, begann Heil zu experimentieren… Warum? „Es gab kein gutes Eis, fand ich“, sagt Heil schulterzuckend. Das war im Jahr 2010.

Seine Kündigung zwei Jahre später aus dem erfolgreichen Automotive-Job verstanden nur Eingeweihte: sich selbstständig zu machen mit der Idee von besserem Eis und den ersten Rezepten.

Heute hat Heil wieder ein Team – von in der Spitze 34 Mitarbeitern im Sommer vor Corona, als er seine beiden Promotion-Verkaufswagen noch auf Großveranstaltungen schicken konnte. Als seine Testeisdiele in der Saarbrücker Innenstadt noch Schlangen von 150 Kunden und mehr erzeugte.

Manufakturen-Blog: Dominik Heil gründete Henry's Eismanufaktur, gab ihr den Namen seines Hundes - und ist Perfektionist jeden Details (Foto: Wigmar Bressel)

Dominik Heil gründete Henry’s Eismanufaktur, gab ihr den Namen seines Hundes – und ist Perfektionist jeden Details

Manufakturen-Blog: Betörender Melonen-Duft in Henry's Eismanufaktur in Saarbrücken (Foto: Wigmar Bressel)

Betörender Melonen-Duft in Henry’s Eismanufaktur in Saarbrücken

Heute verfügt Henry’s über 300 selbstentwickelte Rezepte. Eines der Geheimnisse ist das in der Regel selbstzubereitete Obst. Für die Kirscheis-Sorten kaufte er sich eine eigene Entsteinungsmaschine. In der Regel wird jedoch von Hand geschnitten. Kein Matsch. Keine Kompromisse. „Wir verwenden keine Halbfertigprodukte“, erklärt der Unternehmer. Außerdem erfolgt der vollständige Verzicht auf künstliche Konservierungs- und Farbstoffe. Dafür findet nur regionale Bio-Milch aus dem Bliesgau einen Einsatz. „Wir glauben an regional. Wir wollen möglichst regional. Und wir wollen einen Bezug zwischen Lebensmittel und Kunden herstellen.“ Konsequent lehnte Heil die Anfrage von Discountern und Vollsortimentern ab: „Lokale Edeka-Märkte und der Feinkosthandel müssen reichen. Ich will auch unsere manufakturelle Produktionsweise nicht durch Lieferverpflichtungen verändern müssen…“

Mein Besuch im Gewerbehof ein bisschen abseits des Trubels ist dementsprechend auch ein Erlebnis – so schmucklos das Produktionsgebäude, so verführerisch der Duft, der mir entgegenschlägt: Betörend duftet es nach Honigmelone, als ich längs der Produktion gehe. „Es kann sein, dass ich gleich ein bisschen zwischendurch telefonieren muss“, erklärt der Chef, „ich erwarte den Anruf eines Landwirts, der uns morgen 200 Kilogramm Rharbarber liefern will; da muss ich die Leute dann einteilen, damit wir das innerhalb des Tages erledigt kriegen…“

Die Eisproduktion ist in Corona-Zeiten natürlich eine Herausforderung. „Selbstredend haben wir in der Lebensmittel-Produktion ein Hygieneschutz-Konzept.“ Alle Mitarbeiter tragen Haarnetz, Gesichtsmaske – auffällig ist der Abstand, den sie einzuhalten versuchen. „Jetzt geht es vor allem darum, dass nicht nur die Kunden optimal geschützt werden – sondern auch die Mitarbeiter sich selbst gesund halten.“

Wenn man in die Tiefkühlräume blickt, fragt man sich natürlich unweigerlich, was der Saarländer am Liebsten isst. Dominik Heil: „Das lässt sich gar nicht so genau sagen. In der Eisdiele haben wir zwölf Eissorten. Mehr nicht. Davon sind sieben die Klassiker von Erdbeer über Schoko zu Mango. Hinzu kommen vier wechselnde Sorten. Und dann eben die Sorte des Tages. Die ist manchmal eben schon nach einem Tag aufgegessen.“ Das ist keine Übertreibung – über Instagram und Facebook kommuniziert der Unternehmer selbst mit 7000 beziehungsweise 12 000 häufig sehr treuen Followern. Ein Post – „und manchmal steht zwei Minuten später der erste Abonnent vor der Eisdiele und sagt: ‚Ich habe eben gelesen, dass es jetzt eine Eissorte gibt, die ich noch nicht kenne.“

Auch eine andere Geschichte gehört noch erzählt – die der Eissorte ‚Halva‘. Domink Heil: „Eine Privatkundin rief an und fragte, ob wir ihr ein Eis produzieren könnten, das sie in London in einem Sternerestaurant gegessen und dessen Rezept sie sich besorgt habe. Wir haben uns bemüht – und die Sorte wurde auch bei den Saarbrückern ein Erfolg.“ Halva – das ist ein Sesam-Milcheis mit Schokostückchen, geröstetem Sesam und Erdnüssen. Im Internet wird die Henry’s-Kreation von Kunden mit fünf von fünf Sternen bewertet. Von mir auch.

Fotos: Wigmar Bressel

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