Die Erzgebirgische Volkskunst nutzt die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 für ein Europäisches Spielzeugmacherfestival und Fachforum
20. August 2025, Seiffen. Überlegt – und beherzt mitgemacht: Wie bekommt man die sogenannte ‚Erzgebirgische Volkskunst‘ der Weihnachtspyramiden und Nussknacker, der Holzfiguren und Räuchermännchen in die nächste Generation? Wie erhält und schafft man Arbeitsplätze im wenigmodernscheinenden Mittelgebirge? Darüber grübelt die Denkstatt Erzgebirge nach – und das Spielzeugdorf Seiffen sowieso. Als Außenort der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 Chemnitz hat sich die kleine Gemeinde also mit der Denkstatt zusammengetan und für Ende August zum ‚Europäischen Spielzeugmacherfestival‘ mit parallelem Fachforum geladen.
Klar ist ja: Niemand braucht den traditionellen Nussknacker in historischer Soldaten-Uniform, wenn ihm die inneren Werte der gebirglerischen Manufaktur- und Kunsthandwerkerfirmen abhandengekommen sind. Die TikTok-Generation, die ja verliebt in Abonnements von Smartphone bis Spotify ist, die selbst Fahrräder und eRoller gerne mietet, wird sich ihre überteuerten Kleinstwohnungen in den hippen Großstädten dieser Welt jedenfalls nicht mit „Stehrümchen“ füllen. Also muss der Blick über den Tellerrand gewagt werden. Denn es geht ja auch um nichts weniger, als um ‚immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe‚. Dafür ist auch die Denkstatt da.

Bei Günter Reichel konfektioniert sich der Kunde die Pyramide selbst; Weihnachtsmann und Schutzengel drehen sich gemeinsam im Kreis? Oder auch nicht? Bitteschön!

…und so sieht’s dann fertig zusammengesetzt aus: mit Krippen-Szene oder Schutzengeln oder Weihnachtsmann.

Spielzeug- und Kurort Seiffen im Erzgebirge im Winter mit klassischer Pyramide und der berühmten achteckigen Dorfkirche
Fürs normal-interessierte Publikum gibt es vom 29. bis 31. August fünfzig besichtigbare Stationen und Orte, in denen der derzeitige Stand und die Zukunft der Holzspielzeugproduktion gezeigt wird, Auszubildende zeigen, was sie schon draufhaben, und überhaupt wirbt man in Seiffen um die Ausbildung zur Holzspielzeugmacherin oder zum Holzspielzeugmacher. Ob dieses für das Dorf wirklich ein „usp“ ist (Seiffen wirbt damit als unique selling proposition, dass es der einzige Ausbildungsort Deutschlands für die Holzspielzeugmacher sei), oder nur den Stand der Bedeutung dieses Ausbildungsberufs zeigt, soll einmal dahingestellt bleiben.
Für den Profi, die Hersteller und Designer in Sachen Holzkunst und Holzspielzeug, wird das Wochenende zum Anlass genommen, um erstmals zum Fachforum zusammenzukommen. Immerhin vierzig von ihnen haben sich angemeldet: Sie kommen aus Spanien und Japan, sind mehr als Drechsler, haben gerne auch an der Burg Giebichenstein an der Saale in Halle studiert. Und Ministerpräsident Michael Kretschmer ist ebenfalls angekündigt.
Asien ist ja das Reizwort der Branche schlechthin: Einerseits geht ein erheblicher Teil der Produktion seit vielen Jahrzehnten in diese Märkte; andererseits wird immer wieder versucht, die lieben Mitbewerber des heimlichen Produzierens im absoluten Billiglohn zu überführen. Oder den Asiaten als Kopisten und Geschmacksmusterverletzer. Selbst ein ARD-‚Tatort‘ hat sich schon damit beschäftigt.
Jedenfalls gibt es bereits einige Hersteller im gebirgigen Sachsen, die schon seit Jahren frisches Design abseits der ganz großen Historie von Wendt & Kühns Engelsorchester und Blumenmädchen, von Häschenschule und bergmännischen Lichtbringern entwickelt haben. Ich liebe Günter Reichels witzige Schutzengel (ohne an Engel zu glauben) und seine und Tuffners moderne Pyramiden – eher technische Meisterwerke und Design für die weißgestrichene Wohnung; so entsteht Volkskunst 2.0 oder vielleicht sogar 4.0 – und nicht mit halbindustriellgeschnitzten Holzspan-Bäumchen und Kopien der achteckigen barocken Bergkirche Seiffen.
Fotos: Wigmar Bressel

















