Manufakturen-Blog: Krashkid beim Foto nach der Party - das sollte das Vasen-Design ausdrücken (Foto: Wigmar Bressel)

‚Tini‘ ist eine der Letzten ihrer Art – diese überlebende Vase von Weimar-Porzellan hat jetzt ihren eigenen Projektraum in Hamburg

7. September 2022, Hamburg. Das Projekt kam aus Bauch und Herz, erscheint sicherlich den meisten Menschen verrückt – und unverständlich allemal. Die Hamburger Fotografin Susanne Katzenberg hat ihrer Spontanverliebtheit – in eine Vase aus den 1960er Jahren von Weimar-Porzellan (1790 – 2018) aus dem thüringischen Blankenhain – wieder Leben eingehaucht und einen Projektraum in Hamburg-Altona eingerichtet; gemeinsam mit ihm wurde am Samstag die neue Künstler-Edition der Vase von Krashkid vorgestellt.

Was tun, wenn einen auf einmal die Erkenntnis trifft? Man, weiß, dass man jetzt etwas unternehmen muss. Man nicht einfach nur zuschauen kann, wie der Lauf der Zeit so Vieles einfach verschwinden lässt. Niemand dazusein scheint, der es einem abnimmt? Auf einmal die Frage, an sich selbst gestellt, spürt: Du. Jetzt.

Susanne Katzenberg war im Jahr 2019 in Weimar, um für eine Geschichte über ‚100 Jahre Bauhaus‘ zu recherchieren; immer wieder stieß sie auf Querverweise zu den Thüringer Manufakturen, Porzellanmanufakturen zumal. Recherchen, Spaziergänge, Wanderungen – eines Tages stand sie vor der frischgeschlossenen Weimarer Porzellanmanufaktur in Blankenhain bei Weimar: 228 Jahre nach ihrer Gründung, Traurigkeit ausstrahlend aus einem riesigen Industriezweckbau heraus, dabei eben noch hochherrschaftliche Formen genauso produzierend wie Neue Sachlichkeit, Sozialistischen Realismus – und klare Formen aus der Zeit des Bauhauses, aus der Zeit, in der die spendablen und an Moderne und Alltagskultur so interessierten Weimarer Herzöge ihre Bedeutung verloren hatten, als die erste deutsche Republik Weimar berühmt und belächelt wurde.

Sie recherchierte und telefonierte sich zum bemühten Insolvenzverwalter Rolf Rombach sowie dem ratlosen und frustrierten Eigentümer Turpin Rosenthal durch, man führte sie durch die Hallen des stillstehenden Werkes, vertraute ihr irgendwann einfach die Schlüssel an „für ihr Fotoprojekt“, als das sich dieses alte Kulturgut einfach anbot.

Als klar war, dass es in Blankenhain so nicht weitergeht, dass gerade einmal Interesse am Markennamen bestand, wagte Katzenberg tollkühn den großen Schritt: Sie ging auf den Insolvenzverwalter zu, erwarb aus Anteilnahme an ihrem eigenem Projekt ‚über Weimar-Porzellan‘, in das sie sich immer tiefer hineingearbeitet hatte, die Formen und Nutzungsrechte für eine schlanke, gerade Vase aus den 1960er Jahren: den Entwurf ‚Tini‘ von Peter Smalun, der oft für Weimar Porzellan gearbeitet hat. Ihr Versuch einer Reminiszenz, einer Erinnerung – am Ende des langen Denkprozesses gab sie diesem Wirken den hoffnungsvollen Namen „unverloren“; in zwei Suchrunden fand sie einen Kunsthandwerker und die Porzellanmanufaktur Reichenbach, die bereitwaren, sich mit einer Neuauflage der Vase zu beschäftigen. Und inzwischen vielfach die Foren nachfertigen mussten – denn Susanne Katzenberg hat es vermocht, in nur zwei Jahren sage und schreibe 2500 neue Vasen zu verkaufen; mit einer neuen Haptik, mit neuen Dekoren, mit Künstler-Editionen. Jede freie Minute widmete sie der Vase, wie besessen, sich abarbeitend an einem klitzekleinen Vermächtnis der ehemals bedeutenden und großen Manufaktur: Sie legte eine Fotodokumentation vor, formte diese zum Buch, gewann den thüringischen Wirtschaftsminister Benjamin-Immanuel Hoff als Grußwortschreiber für das Buch – der fand es noch nicht einmal merkwürdig, dass sich eine Hamburgerin von Hamburg aus um die Erinnerung an diese lange Unternehmensgeschichte bemühte: „Ich danke der Autorin herzlich für die Spurensuche in Blankenhain und wünsche der Publikation viele interessierte Leserinnen und Leser sowie dem traditionsreichen Porzellanland Thüringen große Aufmerksamkeit.“ Als wäre es nicht gerade seine originäre Aufgabe, sich um das „Porzellanland Thüringen“ – bis Kriegsende Zentrum der deutschen Porzellanherstellung – zu kümmern.

Manufakturen-Blog: Peter Smalun, Designer der Vase 'Tini' im Porträt im Buch 'unverloren' von Susanne Katzenberg (Foto: Wigmar Bressel)

Peter Smalun, Designer der Vase ‚Tini‘, im Porträt im Buch ‚unverloren‘ von Susanne Katzenberg

Manufakturen-Blog: Buch-Cover "Susanne Katzenberg: unverloren - Hommage an Weimar Porzellan Thüringen", Verlag Braus EUR 29,80 (Foto: Wigmar Bressel)

Buch-Cover „Susanne Katzenberg: unverloren – Hommage an Weimar Porzellan Thüringen“, Verlag Braus, EUR 29,80

Manufakturen-Blog: Krashkid-Variante der 1960er-Jahre Vase 'Tini' von Weimar-Porzellan - Künstleredition (Foto: Wigmar Bressel)

Krashkid-Variante der 1960er-Jahre Vase ‚Tini‘ von Weimar-Porzellan – Künstleredition

Manufakturen-Blog: Schaufenster des Projektraums 'Projekt unverloren' in der Hospitalstraße 91 in Hamburg-Altona (Foto: Wigmar Bressel)

Schaufenster des Projektraums ‚Projekt unverloren‘ in der Hospitalstraße 91 in Hamburg-Altona

Manufakturen-Blog: Fotodokumentation zur Weimarer Porzellanmanufaktur im Projektraum in der Hospitalstraße 91 (Foto: Wigmar Bressel)

Fotodokumentation zur Weimarer Porzellanmanufaktur im Projektraum in der Hospitalstraße 91

Manufakturen-Blog: Historische 'Tinis', neue 'Tinis' - Susanne Katzenberg ist inzwischen die Spezialistin für die 1960er-Vase (Foto: Wigmar Bressel)

Historische ‚Tinis‘, neue ‚Tinis‘ – Susanne Katzenberg ist inzwischen die Spezialistin für die Vase

Nun ist das Buch da, der Projektraum – und soviel Wissenswertes, wie es über ‚Tini‘ nur herauszufinden gibt: Dass deren Designer Peter Smalun (Jahrgang 1939) auf kurze Produkt-Namen mit dem End-Buchstaben ‚I‘ steht, dass sich diese geraden Formen zu DDR-Zeiten besonders in Skandinavien gut verkauften; dass der Westpreuße Smalun aus Marienburg durch die Flucht nach Blankenhain kam, dort bei Weimar-Porzellan seine Ausbildung zum Modelleur machte, dann kam für ihn die Fachschule für angewandte Kunst in Sonneberg, die Ingenieurschule für Keramik in Hermsdorf, das Studium an der Burg in Halle. Ihm verdanken wir die Erinnerung, dass die DDR in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung mit dem Bauhaus fremdelte – ‚form follows function‘ entstand durch die Bauhaus-Dissidenten in den USA und eben nicht im Sozialistischen Realismus.

Jetzt also Krashkid (mit bürgerlichem Namen: Caspar David Engstfeld) auf Smaluns ‚Tini‘, der gebürtige Osnabrücker mit seinen PopArt-Filzstift-Tattoos auf der so ernstgemeinten Form des Westpreußen. Für schlanke 99 Euro. Man erschrickt, dass man bei einfachen schwarzen abstrakten Zeichnungen so unwillkürlich an Keith Haring erinnert wird, als hätte dieser das schnelle abstrakte Zeichnen für sich allein gepachtet. Krashkids ‚Tini‘ erzählt jedoch eine andere Geschichte, als Haring es getan hätte: „Ich wollte von der Situation nach der Party erzählen – daher auch der Name ‚flowers and cigarettes‘. Die Party ist vorbei – die Erinnerung an den schönen Abend noch da“, sagt der Künstler. Ein halbaufgeklapptes Messer aus dem Hause Opinel im Dekor erinnert daran, dass etwas angeschnitten wurde. Vielleicht Blumen, vielleicht Torte zur Eröffnung des Projektraums.

Fotos: Wigmar Bressel, Susanne Katzenberg

 

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Interview

„Ich fand es respektlos, dieses Erbe aus drei Jahrhunderten der Vernichtung zu überlassen.“

Manufakturen-Blog: Susanne Katzenberg in der Weimarer Porzellanmanufaktur (Foto: Katzenberger)

Susanne Katzenberg in der Weimarer Porzellanmanufaktur

Frau Katzenberg, wie geht es ihnen heute, wenn sie „Weimar-Porzellan“ hören?

Gut. Gut, weil ich glaube, dass ich das mir Menschenmögliche getan habe, um an Weimar-Porzellan in angemessener Form zu erinnern und das zu würdigen, was da in den Jahrhunderten geleistet wurde. Von daher geht es mir gut. Ich finde es natürlich traurig. Aber ich habe meinen Teil beigetragen.

Würden sie sagen, dass wir Menschen, die eine Empathie für solche Firmen und Vorgänge haben, uns damit abfinden müssen, dass solche Vorgänge, wie das Verschwinden von Weimar-Porzellan nach 228 Jahren, stattfinden?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich fürchte, dass wir gezwungen sind. Aber ich finde, dass wir nicht genug nach Wegen aus der Situation gesucht haben.

Hatten sie das Gefühl, dass sich viele andere Menschen für das Problem interessiert haben?

Hatte ich nicht. Ich habe in meinem Auto viele Unterlagen und Zeichnungen persönlich ins Staatsarchiv nach Weimar gefahren, weil sich niemand dafür interessiert hat. Ich fand es respektlos, dieses Erbe aus drei Jahrhunderten der Vernichtung zu überlassen. Kapitalismus hin oder her – das finde ich einfach nicht angemessen.

Sie haben für ihr Buch einige ehemalige Mitarbeiter interviewt.

Ich wollte kein ‚Lost-Places-Buch‘ machen. Sie sollten von der Kunst des Porzellanmachens erzählen.

Hat das Buch etwas bewirkt?

Es ist jetzt in der zweiten Auflage. Es wurden inzwischen mehr als eintausend Exemplare verkauft. Und es melden sich immerwieder Menschen bei mir, die einen Bezug zu Weimar-Porzellan haben und über ihre Beziehung sprechen wollen. Insofern ist mir bestimmt ein auch zeitgeschichtliches Werk gelungen, das auch in vielen Jahrzehnten noch interessant ist.

 

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