Manufakturen-Blog: Wilhelm Seibel am eigenen Messestand auf der weltgrößten Konsumgütermesse 'Ambiente' im Jahr 2017 - damals nahm er schon seine Söhne ins Unternehmen auf (Foto: Wigmar Bressel)

Wilhelm Seibel tritt bei mono nach 40 Jahren in den berühmten „Unruhestand“

8. September 2025, Mettmann. Melancholie ist vielleicht das richtige Wort, um das eigene Gefühl zu beschreiben, das einen bei der Nachricht von so mancher Staffelstab-Übergabe überkommt: Bei mono übergab Wilhelm Seibel zu Ende August das Unternehmen, das aus dem im Jahr 1895 von seiner viertvorausgegangenen Familiengeneration gegründeten Stahlbesteck-Hersteller Seibel hervorgegangen ist, an seine Söhne Matthias und Johannes. 40 Jahre Unternehmensleitung mögen genug sein – weise ist es bestimmt, wenn man seine Kinder als sechste Familiengeneration für das Unternehmen begeistern und halten möchte.

Der erste Unternehmer und Firmengründer Wilhelm Seibel gründete in Mettmann als ‚Britanniawarenfabrik W. Seibel‘ sein Unternehmen. Britanniawaren – das sind Produkte aus einer hauptsächlich zinnhaltigen Verbindung, die mit Antimon, Kupfer, Nickel, Blei und Bismut legiert wurde, und sich sowohl gut prägen als auch gut gießen lässt. Klar, heute gehen diese Beimischungen im Lebensmittelbereich nicht mehr – und mono steht ja auch überhaupt für Edelstahlbestecke und sonstige Produkte rund um das Essen.

Das Unternehmen wuchs nach der Gründung schnell, produzierte unter dem Signet eines vierblättrigen Kleeblatts stehend für die vier Söhne des stolzen Gründers, machte einen zweiten Standort im hessischen Ziegenhain auf, entwarf und produzierte erfolgreich das Besteck für die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland; es wurde schließlich auf zwei der vier Söhne aufgeteilt. Der Mettmanner Part nahm nach dem Zweiten Weltkrieg enorm an Fahrt auf, hatte in der Spitze angegebene tausend Mitarbeiter – und ging doch baden und wurde geschlossen, der Ziegenhainer Part schließlich unter Wilhelm Seibels Vater nach Mettmann an den Gründungsort zurückverlegt. Aber noch der Großonkel Herbert Seibel in Ziegenhain hatte im Jahr 1959 die Kasseler Hochschullehrer Peter Raacke mit dem Design eines neuen Bestecks und dessen Kollegen Karl Otto Blase mit einer Verpackung dafür beauftragt – herauskam das berühmte Besteck ‚mono a‘ mit allen seinen folgenden Auslegern, dem Kinderbesteck ‚mono-petit‘ und ‚mono-ring‘ zum Aufhängen statt für die Besteckschublade, gerade nochmal überarbeitet und modernisiert von Mark Braun. Mono – ein Name, der das Unternehmen prägte und überprägte.

In die Zeit unter Wilhelm Seibel V. – dem jetzigen „Unruheständler“ – fiel die Zeit der Übernahme der von der Einstellung bedrohten Solinger Besteckmanufaktur Pott. „Das hätte uns fast das Genick gebrochen“, erzählte mir Wilhelm Seibel einmal. Diese berühmten Bestecke aus Solingen passen eigentlich super zu Mono – aber im Detail liegen ja bekanntlich die Aufgabenstellungen. Seibel verpasste mono damals für einige Jahre einen neuen Namen: ‚Seibel Designpartner‘ sollte mono und Pott zusammenführen und ein gemeinsames Dach geben; im Markt war man doch froh, als das Unternehmen zu ‚mono‘ zurückkehrte.

Manufakturen-Blog: Das berühmte Besteck 'mono a' von Peter Raacke in seiner Ursprungsform aus dem Jahr 1959 in Ganzmetall (Foto: Wigmar Bressel)

Das berühmte Besteck ‚mono a‘ von Peter Raacke in seiner Ursprungsform aus dem Jahr 1959 in Ganzmetall

Manufakturen-Blog: 'multitop' - rutschfester multifunktionaler Topfdeckel von mono aus Mettmann in mehreren Größen für alle Töpfe inklusive Ablagefläche für Schnittgut beim Kochen - Manufaktur-Produkt des Jahres 2018 (Foto: Wigmar Bressel)

‚multitop‘ – rutschfester multifunktionaler Topfdeckel in mehreren Größen für alle Töpfe inklusive Ablagefläche für Schnittgut beim Kochen – Manufaktur-Produkt des Jahres 2018

Ich lernte Seibel bei meiner ersten Teilnahme in der Arbeitsgruppe ‚Schneidwaren‘ auf einer Tagung des Industrieverbands Schneid- und Haushaltwaren IVSH in den 2000er-Jahren in Eisenach kennen, auf der er zum Vorsitzenden gewählt wurde. Geprägt waren diese Jahre von der Auseinandersetzung mit der EU-Kommission, die aus Verbraucherschutzgründen einen Test für alle Dinge, die mit Lebensmitteln bzw. mit uns Menschen in Berührung kommen, einführen wollte: Alle diese Dinge sollten dreimal zwanzig Minuten 70 Grad heißer Zitronensäure ausgesetzt werden – und danach in der Säure nachgesucht, inwieweit Nickel und überhaupt Schwermetalle aus den getesteten Dingen ausgelöst und nachweisbar wären. Klar – wir haben im Körper glücklicherweise keine derartheiße Zitronensäure; aber wie heiß wird Tomatensuppe mit ihrem hohen Säureanteil gekocht? Was ist mit dem Kochtopf, was mit Suppenschöpfer aka Kelle? Das war die Gegenargumentation aus Brüssel. Inzwischen wurde das Verfahren verändert und es dürfen weiterhin Edelstahl- und Silberbestecke, Stahlkochtöpfe, Stumper und metallene Bierhumpen und Altargeschirre produziert „und in der EU in Verkehr gebracht“ werden. Und wir Europäer müssen nicht mit den Fingern oder von Selbstgeschnitztem essen.

Im Jahr 2018 durfte ich auf mono für die Entwicklung des mehrfachfunktionalen herstellerunabhängigen Topfdeckels ‚multitop‘ beim Wettbewerb um das ‚Manufaktur-Produkt des Jahres‘ die Laudatio halten. Wilhelm Seibel kam in den Bayerischen Wald nach Frauenau in die Glashütte von Poschinger – abgehetzt, während der Festabend mit Minister und Abgeordneten und IHK-Präsident schon lief, war mit der Deutschen Bahn liegengeblieben, wie es den meisten Bahnfahrern schon ergangen ist. Winkte mir diskret aus letzter Reihe zu, kurz bevor es für ihn auf die Bühne ging, erklärte dort, dass das Topfdeckel-Projekt eigentlich eine Herzensangelegenheit seiner zur Urkundsverleihung verhinderten Söhne sei – dann käme eben der Vater.

Wilhelm Seibel ist ein feiner, feinsinniger und ruhiger Mensch, dank französischer Mutter mehrsprachig aufgewachsen, gebildet und weltbereist – das macht die Zusammenarbeit mit ihm so angenehm. Und das Stichwort soll jetzt tatsächlich auch „Reisen“ sein – er und seine Frau Dorothee sind große Wohnmobilisten; exotische Destinationen wie Aserbaidjan waren mit dem eigenen Gefährt bisher nichts Ungewöhnliches – und so darf man gespannt sein, wer was aus welchen Teilen der Erde von den Seibels im Ruhestand gehört hat und weitererzählt.

Die sechste Generation Seibel heißt nun Matthias und Johannes. Ersterer leitet fortan die Produktion – Zweiterer übernimmt den Designer-Hut. Beide sind schon seit acht Jahren ins Unternehmen hineingewachsen und wissen, worauf sie sich eingelassen haben – Wege in einer schwierigen Welt zu finden und die Erwartung, die Familientradition eine Generation weiterzuführen. Zwischen Ruhr und Rhein und am Rande des Bergischen Lands denkt man sicherlich positiv – das heißt auch in Mettmann ‚Glück auf!‘.

Fotos: Wigmar Bressel

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