Das ‚Making of‘ zum Audio-Logo des Manufakturen-Blogs

video
play-sharp-fill

…und hier geht es alternativ zum ‚Making of‘ auf YouTube (das Video – Weiterleitung zu YouTube)

 

Über das Audio-Logo und sein ‚Making of‘

Meine Mutter Gisela Bressel (1944 – 2020) war ihr gesamtes Berufsleben vor allem Musiklehrerin an einer Grundschule. Das hat die Entwicklung von mir und meinen Geschwistern natürlich sehr geprägt, zumal wir alle sie irgendwann mal im Grundschulunterricht als Lehrerin hatten.

Als ich zwölf Jahre alt wurde, bekam ich zum Geburtstag eine Hörspiel-Kassette geschenkt: „Wir entdecken Komponisten: Joseph Haydn“ von der Deutschen Grammophon (heute als CD oder Stream verfügbar), die mein Verständnis von Klassischer Musik sehr geprägt hat. Haydn (1732 – 1809) bildet mit Mozart und Beethoven das inhaltliche Dreigestirn der Wiener Klassik. Wir Deutschen verdanken kurioserweise ihm die Melodie zu unserer Nationalhymne. Kurioserweise – da Haydn das Musikstück für Kaiser Franz II. von Österreich-Ungarn („Gott! Erhalte Franz, den Kaiser!“) im Jahr 1797 komponierte, ein monarchistisch-patriotisches Lied in Jahren, in denen die Monarchien durch das republikanische Frankreich herausgefordert waren. Das Lied verselbständigte sich und landete – versehen mit dem Text von Hoffmann von Fallersleben – durch deutsche Studenten über das Hambacher Fest im deutschen Identitätsgefühl; es widerstand der deutschen Monarchie; es überstand überbordenden Patriotismus und deutsche Schützengräben, den Nationalsozialismus – und es ließ sich bei Gründung der Bundesrepublik auch nicht durch Beethovens berühmte ‚Ode an die Freude‘ ersetzen, wie vorgeschlagen. Spannend, dass sich ein vom Monarchen und absoluten Herrscher in Auftrag gegebenes Musikstück später gegen die Monarchie selbst richten würde, und zum Nationalgefühl und Nationalsymbol der bürgerlichen Republik des Nachbarlandes werden konnte.

Da dieses Musikstück so schnell so populär wurde, komponierte Haydn noch im selben Jahr zum „Kaiser-Lied“ sein „Kaiser-Quartett“ – ganz klassisch: Vier Sätze, besonders und besonders anhörenswert auch für klassikmusikalische Laien ist der zweite Satz mit den Variationen zu Haydns berühmter Melodie.

Da wir uns im Manufakturen-Blog vorrangig mit deutschen Manufakturen beschäftigen, hatte ich den Wunsch, dass für das Audio-Logo aus ebendiesem zweiten Satz eine Mini-Sequenz Verwendung fände.

Manufakturen-Blog: Komponist Julius Holtz lässt sich von Albert Kutz verschiedene Versionen der gezupften Töne vorspielen - alles vor laufender Kamera (Foto: Wigmar Bressel)

Komponist Julius Holtz (2. v. l.) lässt sich von Albert Kutz verschiedene Versionen der gezupften Töne vorspielen – alles vor laufender Kamera

Manufakturen-Blog: Dreh des regulären Glockenspiels um 12 Uhr mittags - man weiß ja noch nicht, was man noch braucht... (Foto: Wigmar Bressel)

Dreh des regulären Glockenspiels um 12 Uhr mittags – man weiß ja noch nicht, was man noch braucht…

Manufakturen-Blog: Große Glocken mit mehr als acht Tonnen Gewicht und mehr als zwei Metern Durchmesser - auch sie werden von Hand bespielt. Jede Glocke ist individuell gestaltet - diese mit dem Denkmal des berühmten Hallensers August Hermann Francke und dem halleschen Stadtwappen. (Foto: Wigmar Bressel)

Große Glocken mit mehr als acht Tonnen Gewicht und mehr als zwei Metern Durchmesser – auch sie werden von Hand bespielt. Jede Glocke ist individuell gestaltet – diese mit dem Denkmal des berühmten Hallensers August Hermann Francke und dem halleschen Stadtwappen.

Julius Holtz, Komponist und Sounddesigner, der meine Ausstellung im Direktorenhaus im Sommer 2021 besuchte und den ich dort kennengelernt habe, war natürlich skeptisch, da man an Logos nicht mit fertigen Vorstellungen, sondern sinnvollerweise offen und sich auf den Prozess einlassend herangeht. Aber – manchmal kann man einen Prozess eben doch auch anders betreiben, als es das Lehrbuch empfiehlt.

Das Logo war nach einigen Monaten fertig und von mir abgenommen. Julius hatte super Ideen und wir einigten uns darauf, dass das Logo im Klang – so, wie viele Reportagen im Blog auch – von unserer Kultur im deutschen Sprachraum berichten sollte. Er schlug Kirchturmglocken vor, diese weitergedacht als bespielbares Turmglockenspiel, gefunden beim Amsterdamer Westkerk-Carillon in den Niederlanden, verfeinert von einer Stradivari aus dem Orchester der Berliner Sinfoniker. Über eine Sound Library, eine Musik- und Klänge-Bibliothek, beschaffte er die benötigten Töne und Klänge für die Haydn-Sequenz.

Was soll ich sagen – es klang perfekt… aber auch ein bisschen sehr clean. In mir beschäftigte sich das Unterbewusstsein ebenfalls mit der Distanz zu diesem Zugekauften, absolut Unpersönlichen aus der digitalisierten Welt, dessen relativer Gegenpol eben die Welt der Manufakturen mit ihrer starken handwerklichen Orientierung (trotz aller Maschinen) sowie der starken lokalen Verwurzelung ist.

Also stellte ich die Frage in den Raum, ob wir das Logo für mich stärker emotionalisieren könnten. Und das würde heißen: Alles ‚von Hand‘ noch einmal ganz persönlich aufzunehmen.

Für mich war auch gleich klar: Wir müssen dafür nach Halle an die Saale fahren, wo es Orchester gibt, die ich schon oft gehört habe. Und ich würde einen sehr guten Violinisten finden, der seine Geige für mich in einem historischen Musikzimmer mit herausragendem Klang zupfen würde – in der Bohlenstube im Musikmuseum Händelhaus. Sowie ein Glockenspiel, für das ich im Jahr 1992, als es errichtet wurde, die Pressearbeit gemacht und dessen Anfangsjahre begleitet habe. Und das ich so oft gehört habe: das Carillon im ‚Roten Turm‘, das mit 76 Glocken größte in Europa, das zweitgrößte auf der Welt…

Uns wurde Jonny Zoum, ein in Berlin ansässiger australischer Toningenieur, vermittelt; wir vertrauten auf seine Referenz „hat Billie Eilish aufgenommen“ – und sind auch sehr dankbar für seine geleistete Arbeit an den beiden Aufnahmeorten in Halle.

Schließlich haben wir uns überlegt, dass man bei der Gelegenheit noch ein Video „für YouTube“ drehen könnte… okay, das kann man am Besten mit LöweTV aus Leipzig umsetzen, Fernsehmacher, die für ihre sorgfältige Kameraführung (in diesem Fall: Malte Niessen, sowie Tony Gräfe für den Ton) und ihren innovativen Schnitt bekannt sind (besonderer Dank an Nico Hattendorf für die Postproduktion). Abgesehen davon: Inhaber Ingo Löwe war der erste Kameramann, der mich im Jahr 1990 für den Mitteldeutschen Rundfunk gefilmt hat.

Der Drehtag war dann eine kleine Herausforderung. Sowohl das Händelhaus mit der historischen Bohlenstube ließ mehr Lärm von außen herein, als gedacht („Auto!“). Aber der von der Staatskapelle Halle vermittelte Violinist Albert Kutz behielt die Nerven beim ständigen Wiederholen des „Pizzicatos“, des Zupfens der Saiten der historischen Geige. Noch dramatischer war der Lärmteppich oben im Roten Turm auf mehr als 40 Metern Höhe: Straßenbahn, Tatü-tata, Kindergeschrei, Autos, immer wieder die Straßenbahn schallten vom Marktplatz hinauf, Kirchturmglocken und die eigenen Glocken des Roten Turms unterbrachen uns regelmäßig – Carilloneur Maximilian Metz: „Das ist hier völlig normal.“

Wenn Sie sich das ‚Making of‘ anschauen – dann sehen Sie auch eine Reise in meine Vergangenheit. Aber versuchen Sie sich auch einfach vorzustellen, wie vom Roten Turm aus über den Marktplatz und die gesamte Innenstadt die Hallenser zwei Stunden lang für die Aufnahmen des Manufakturen-Blog-Logos beschallt wurden… Sie verstehen bestimmt, was das für ein Gefühl ist, das erlebt zu haben. Und für immer in meinem Herzen.

Fotos: Wigmar Bressel

Manufakturen-Blog: Maximilian Metz an seiner ehrenamtlichen Wirkungsstätte - in einem schallisolierten Container zwischen den Glocken im Roten Turm im Carillon (Foto: Wigmar Bressel)

Maximilian Metz an seiner ehrenamtlichen Wirkungsstätte – in einem schallisolierten Container zwischen den Glocken im Roten Turm

manufakturen-blog_logo

Ein Besuch im Independent-Porzellan – ein Besuch bei Claudia Schoemig

18. Februar 2022, Berlin. Okay. Ich habe die wundervollen Arbeiten von Claudia Schoemig schon länger auf Instagram beobachtet. Ich will nicht sagen, dass ich ihre Arbeiten gestalkt habe – aber doch ihren Instagram-Kanal abonniert. Das besondere ihres Gebrauchsporzellans ist der Mix aus Biskuit und Glasur in sehr feinen Harmonien. Ich war zu Besuch auf der ‚Ambiente 2020‘ in Frankfurt am Main (der letzten vor dem wiederholten Aus durch die Pandemie) – und da wurde sie als eine Art ‚Nachwuchskünstlerin‘ protegiert, was natürlich komplett absurd ist, denn die Fränkin in Berlin ist seit einigen Jahren einer der strahlenden Sterne am Independent-Porzellanhimmel. Ich habe sie an ihrem Stand besucht – und beschlossen, dass ich sie aus Sympathie für ihre überlegte Art und Begeisterung für das schöne handgedrehte Serien-Geschirr in ihrer Werkstatt mit Showroom im Prenzlauer Berg aufsuchen muss. Das habe ich dann auch ein Jahr später getan, gerade von der KPM, dem Berliner Platzhirschen für Manufaktur-Porzellan, kommend.

Der berühmte In-Stadtteil im Berliner Osten ist ja ein Ort der Lieblichkeit, des Bio-Kitschs mit seinen Läden für Fallobst-Wiesen-Säften, der durchgentrifizierten Altbaulandschaft, die einst mit Mühe die DDR überstanden hat und heute teilweise teuer wie Nichts ist; berühmt für die sogenannten „Latte-macchiato-Mütter“, die ihr Heißgetränk im wiederverwendbaren „To-go-Becher“ zu sich nehmen, während der Nachwuchs im 500-Euro-Kinderwagen geschaukelt wird. Ist ja auch egal – denn der „Prenzelberg“ ist eine Besonderheit, wie Notting Hill in London oder andere hippe Stadtteile in den Größtstädten unserer Welt. Eigentlich ein Ideal-Stadtteil – wäre da nicht das Problem, dass sich erhebliche Teile der Bevölkerung Bürgerbauten des 19. Jahrhunderts mit Deckenhöhen und Parkett nach der Renovierung kaum mehr leisten können und sich theoretische republikanische Gleichheit nach und nach durch die Macht des Faktischen in Soll und Haben sortiert.

Manufakturen-Blog: Becher-Serie 'Sublim' von Schoemig-Porzellan (Foto: Wigmar Bressel)

Becher-Serie Sublim

Manufakturen-Blog: Becher-Rohlinge warten im Regal auf den zweiten Brand (Foto: Wigmar Bressel)

Becher-Rohlinge warten im Regal auf den zweiten Brand

Manufakturen-Blog: Regale mit Halbfertigteilen betonen den Werkstatt-Charakter (Foto: Wigmar Bressel)

Regale mit Halbfertigteilen betonen den Werkstatt-Charakter

Manufakturen-Blog: Claudia Schoemigs Hündin Martha wacht über den Showroom (Foto: Wigmar Bressel)

Claudia Schoemigs Hündin Matilda wacht über den Showroom

Aber so funktioniert selbst die „soziale Marktwirtschaft“ eben. Aufwendige historische Gebäude benötigen zahlungsfähige Eigentümerinnen und Eigentümer und diese ebensolche Mieterinnen und Mieter. Und wo wollte man sich mit handwerklichem Designer-Porzellan auch ansiedeln, wenn nicht bei den Menschen, die studiert oder anderweitig auch für das Ästhetische gebildet – aber vor allem auch etwas zahlungskräftiger für Individualität und Design sind?

Claudia Schoemig hat sich im Jahr 1999 in diesem Stadtteil verortet; sie macht übrigens keinen reichen Eindruck. Sondern einen sehr durch handwerkliche Arbeitsamkeit und Ernsthaftigkeit und Zielgerichtetheit bestimmten. Ihr schlichter Showroom in der Raumerstraße 35 wird mitbelegt durch Teil-Fertigprodukte, die auf ihren Brand warten. Ruhige Farben bilden den Hintergrund für die Präsentationsbühnen ihrer Porzellane: Teller, Becher, Schalen, Vasen – was es für den Gebrauch bei Tisch eben so bedarf.

„Ich habe das Glück, dass ich einen tollen Vater habe, der gefühlt alles kann und der sich soviel zugetraut hat. Der hat natürlich eine Weile gebraucht, bis er kapiert hat, dass er eine Tochter hat, die sich auch für alles interessiert“, erzählt Claudia Schoemig. Ihr Werdegang ist dementsprechend zunächst unakademisch: Ausbildung zur Keramikerin in einer fränkischen Werkstatt – „die Leute haben mich angeguckt, als wäre ich ein Ufo, wenn ich erzählt habe, was ich mache. Ob das nicht ein ‚aussterbender Beruf sei‘, wurde ich oft gefragt. Und ich habe gedacht: Na, schauen wir mal, wie lange es dauert, bis er ausgestorben ist.“ Das war in den 1980er Jahren. Die 1990er seien dann auch tatsächlich „übel gewesen“, räumt Schoemig ein. „Aber seit zehn Jahren ist handwerkliche Keramik und Porzellan wieder voll am Aufblühen. Gefühlt jeder würde gerne einen Töpferkurs machen und das Gefühl für die handgemachten Dinge kehrt in die Gesellschaft zurück.“

Claudia Schoemig entwickelte sich weiter – vom Ton der Keramikerin hin zum Porzellan, weg von dem, was in der Erde gefunden wird und abgebaut (Ton), hin zum Porzellan, das aus frei konfigurierbaren Stoffen besteht, Hauptbestandteil Kaolin, befreit von den vielen Bestandteilen wie Eisen (das den Ton rötlich färbt), das dafür jedoch viel präziser gehandhabt werden kann, da es keine Überraschungen mehr bereithält.

Dieser Schritt erfolgte bei ihrem nächsten Arbeitgeber – einer kleinen Porzellanmanufaktur, die vor allem für Historienfeste und Filme historische Porzellane fertigte: „Ich wurde immer schneller im Drehen von Porzellanteilen – bis ich die Schnellste war.“

Dann kam ihr Schritt in die Selbständigkeit – und wieder der Vater: „Ich durfte mir eine kleine Werkstatt in seiner Arbeitshalle einrichten; das war eine schöne Zeit!“ Sie zog über Keramikmärkte, übte sich in Direktverkauf und Kundennähe: „Aber ich kriegte die Krise, fragte mich, ob ich mit Anfang zwanzig schon bereit sei, so sesshaft zu werden.“

Natürlich nicht. Es folgte ein Kunststudium im nordhessischen Kassel, zwischendurch an der Hochschule in Berlin-Weißensee, schließlich in Kassel der Abschluss. Ausstellungsteilnahmen, Kunstvereine, selbstorganisierte Künstleraustausche mit Helsinki, Paris, Prag und London – alles prägend für die Frage nach Kunst- oder Gebrauchsporzellan, nach Design oder Funktionalität, nach Positionierung und Preisfindung… vieles pro bono und Ehrenamt – aber das gehört zur Entwicklung als Mensch ja dazu. Und immer wieder die Frage: Was will ich in meinem Leben als Porzellanschaffende wirklich machen?

„Ich habe immer noch soviele Ideen – das kann ich alles gar nicht machen.“ Gibt es für sie garkein Problem, sich selbst zu motivieren? „Ich habe nur das Problem, dass ich nicht alles umsetzen kann, über das ich nachdenke. Dafür fehlt die Zeit. Aber ich habe gemerkt, dass meine Entwürfe und Umsetzungen gut ankommen – also habe ich meine eigene Firma gegründet.“ So entstand die Idee für ‚Schoemig Porzellan‘, an ihrem letzten Studienort, in der Hauptstadt, in der schon Friedrich der Große Porzellan unter dem Namen KPM produzieren ließ. ‚Ö‘ oder ‚oe‘ – sie zuckt mit den Schultern: „Die internationalen Kunden verstehen es nicht.“ Aha – internationale Kunden… das ‚oe‘ schlich sich jedenfalls ein – und aus dem fränkischen Schömig wurde Schoemig.

Wie entwickelt sich bei der heutigen Claudia Schoemig Design? „Das ist sehr unterschiedlich. Vieles entsteht im Prozess, beim Arbeiten; ich frage mich: Wie soll sich ein Gefäß anfühlen? Wie will ich es selbst gerne in der Hand halten? Wie soll es aussehen, wenn ich hineinschaue? Was für mich meine Arbeit ausmacht, ist eher die Richtung Minimalismus, zeitgenössisch-poetisches Tafeln und modernes Interior. “

Ich weiß genau, was sie meint, ich liebe ihre Becher: außen Biskuit-Porzellan, innen in zarten Pastelltönen glasiert. „Ich feile so lange daran herum, bis es gut ist und mir gefällt. Dann kommt der Test mit der Kaffeemaschine, der Probeeinsatz bei den Mitarbeitern und im Bekanntenkreis. Und ob ich es nach einem Monat immer noch gutfinde. Man braucht mir beim Briefing nur einen Brocken hinwerfen – das macht mich glücklich, wenn ich wochenlang daran herumarbeiten darf. Neue Sachen auszudenken – das ist mein Lebenselixier.“

Fotos: Wigmar Bressel

manufakturen-blog_logo