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Mühles Rasierset ‚Hexagon‘ zum ‚Manufaktur-Produkt des Jahres 2017‘ gewählt

17. Mai 2017, Bremen. Die Form ist archaisch. Die Verarbeitung präzise und makellos. Die Faszination groß: Mühles neues Rasierset ‚Hexagon‘ aus der Zusammenarbeit mit dem Berliner Designer Mark Braun wurde in halb-anonymisierter schriftlicher Wahl von der Jury zum „Manufaktur-Produkt des Jahres 2017“ gewählt.

Das Produkt an sich hätte noch vor einigen Jahren so etwas wie Fragezeichen in den Gesichtern der Betrachter aufgeworfen – Rasierpinsel? Ein Nassrasierer mag ja noch vorstellbar sein… Aber Rasierpinsel? Gibt es nicht längst den günstigen Sprühschaum aus der Dose? 26 Jahre nach der Reprivatisierung Mühles von der Treuhand an die Gründerfamilie Müller erlebt Europa einen neuen Rasierkult. In den Metropolen entstehen wieder Rasiershops, in denen sich der Mann von heute verwöhnen lassen kann.

Die Jurymitglieder waren sich unabhängig voneinander alle einig: Das neue Rasierset von Mühle ist das Beste der eingereichten Produkte im Wettbewerb 2017.

Dr. Christopher Heinemann, Jurymitglied und Manufactum-Geschäftsführer und selbst bekennender Bartträger, sagte in seiner Laudation: „Es war ein solches Erlebnis, diese so genau gefertigten Dinge in die Hand zu nehmen, dass man selbst ins Überlegen kommt, warum man sich nicht täglich nass rasiert. So schön fühlen sie sich an und liegen so schmeichelnd in der Hand.“

Bei ‚Hexagon‘ handelt es sich um sechseckige Griffe aus Aluminium, die in drei Farben eloxiert erhältlich sind: Graphite, Bronze und einer grünmetallischen, als ‚Forest‘ bezeichneten, Farbe – alles Farben aus dem Erzgebirge, in dessen Rasurkultlern weltbekannten Dorf Stützengrün Mühle zu Hause ist.

Das Design erinnert an klassische Werkzeuge – und so hat man als kleinen Zusatz die Geodaten von Mühle in die Griffe graviert, so, wie halt Form- und Schnittwerkzeuge graviert werden.

Die Pinsel-Ausführungen sind – wie immer bei Mühles hochwertigen Linien – in klassischem Silberspitz-Dachszupf oder veganem Silvertip-Fibre, einer eigens von Mühle entwickelten Synthetikfaser, die den Qualitätseigenschaften des Dachshaares für den Rasierschaum in nichts nachsteht. Der Pinselkopf ist mit einem Gewinde verschraubt und austauschbar.

Das Set kostet EUR 149,00 uvp.

Weitere Informationen & Ansprechpartner

Wigmar Bressel, Verband Deutsche Manufakturen, Tel. 0421 – 55 90 6-20

www.deutsche-manufakturen.org

Jonas Rohrbach, blackbird/berlin Tel. 030 – 639 62 42 15

www.muehle-shaving.com

Die Plätze 2 und 3

2. Platz: Taschenkugelschreiber ‚Style.Us‘ mit Tablet- und Smartphone-Bedienkopf von e+m Holzprodukte aus Neumarkt in der Oberpfalz

Die Kugelschreiber in vier Holz-Arten sind mit nur acht Millimetern Durchmesser – bei einer Wechselmine! – ein kleines hölzernes Wunderwerk. Sie verfügen über eine Messing- oder Kupferkappe, die den Kugelschreiber von acht auf 13,5 Zentimeter Länge vergrößert. In die Kappe ist ein Messingring mit übergestülptem Stylus-Gummi eingearbeitet, mit dem sich Touch-Displays wunderbar bedienen lassen.

Technischer Kniff: Damit die Schreibpaste besser fließt, wurde ein winziges Ausgleichsloch in das Holz gebohrt, damit in Schaft und Mine kein Unterdruck entsteht.

Die Schreibgeräte kosten EUR 40,00 uvp.

www.em-holzprodukte.de

3. Platz: Schreibtisch ‚Denkplatz individuell‘ aus HPL der Möbelmanufaktur Tamesis aus Dessau

Das Material ist mit 13 Millimetern Stärke unglaublich dünn – und dazu noch aus den nachwachsenden Rohstoffen Papier und Harz. Die Möbel aus dem vor hundert Jahren für den Flugzeugbau entwickelten Material haben entsprechend eine ganz eigene Optik die aus der Oberfläche und der Schnittkante entsteht und so häufig zweifarbig akzentuiert eingesetzt wird.

HPL ist sehr fest, erst bei größeren Spannweiten bruchgefährdet – jedoch sehr schwer zu verarbeiten, da es Diamantsägeblättern bedarf, um das Material zuzuschneiden. Dafür erhält man Möbel, die im Labor zugelassen sind und auch gerne im Garten stehen können.

Tamesis präsentiert sich als Alternative zu renommierten Herstellern wie USM und Montana.

Der Schreibtisch kostet EUR 3500,00 uvp.

www.tamesis-design.de

Sonderpreise (Gewinner in drei Bewertungsgruppen)

 Design: Holzfassgereiftes Jahrgangsbier ‚Magnus 16‘ der BierManufaktur Riegele aus Augsburg – perfekt weiterentwickelter Trend der Craftbiere, tolle Umsetzung in einer eleganten, fastschwarzen 0,75-Liter-Flasche mit Kronkorken und Naturkorken in einer opulenten möbelartigen Verpackung, die dem Bier eine Bühne gibt und es gleichzeitig als besonders kostbar und wertvoll präsentiert, Limitierung auf 2016 Flaschen.

Das Bier kostet pro Flasche EUR 49,90 uvp.

www.riegele.de

Qualität & Wertigkeit: Ring ‚Elise‘ der Trauring-Manufaktur J. Fischer & Sohn KG aus Pforzheim – in den Platinring sind lavendelblaue Keramik-Intarsien eingearbeitet; 100 Brillianten bringen den Ring zum Funkeln. Die Besonderheit besteht im Verbund der drei Materialien: Platin, Keramik, Brillianten – hohe Wertigkeit und trotzdem handwerkliche Verarbeitung.

Der Ring kostet EUR 7459,00 uvp.

www.fischer-trauringe.de

Innovation & Funktionalität: Tischleuchte ‚Rima‘ von Holy Trinity aus Dresden – Die Leuchte verfügt über eine besondere Steuerung aus vier Ringen, die darüber entscheiden, wieviele der 56 in Reihe verbauten LEDs scheinen dürfen – und welche Stelle oder Stellen des Tisches sie in welcher Helligkeit beleuchten.

Die Leuchte kostet EUR 1489,00 uvp.

www.holytrinity.de


Jury 2017

Ute Czeschka, manufakturhaus.com

Benedikt Freiherr Poschinger von Frauenau, Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur

Dr. Christopher Heinemann, Manufactum

Pascal Johanssen, Deutsche Manufakturenstraße

Franziska Klün, ysso.de

Christoph Krause, Kompetenzzentrum für Gestaltung, Fertigung und Kommunikation der Handwerkskammer Koblenz

Klaus-Peter Piontkowski, Genuss Pur und Genuss Professional

Bisherige Preisträger

Induktions-Keramik-Kupferpfanne der Kupfermanufaktur Weyersberg (2014)

Doppelhorn Nr. 103 in f/b der Gebr. Alexander Musikinstrumentenfabrik (2015, Konsumgüter), Gin Monkey 47 Distiller’s Cut (2015, Lebensmittel)

Taschenfüllfederhalter-Set Spatz & Kiebitz von Stefan Fink (2016)

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Einladung zum 9. Zukunftsforum Deutsche Manufakturen

Herzliche Einladung zur Verleihung der Auszeichnungen
Manufaktur des Jahres 2017
Manufaktur-Produkt des Jahres 2017
am 11. Mai in Fürstenberg im Rahmen des 9. Zukunftsforums Deutsche Manufakturen

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Manufakteure,

wie fänden Sie es, wenn sich eine Möglichkeit auftäte, den Manufakturen-Begriff vor Missbrauch durch Dienstleister und Importeure, Handwerker und Hobbyaktivisten zu schützen – und Ihrer Manufaktur die besondere Stellung zurückzugeben, die sie verdient? Trauen Sie den deutschen Manufakturen einen eigenen Klang, eine ‚Soundmarke‘ zu? Fänden Sie es spannend, gemeinsam ein Shop-in-Shop-System zu entwickeln, um – zum Beispiel – dem Sterben Ihres Einzelhandels etwas entgegenzusetzen? Das sind Fragen, die wir gerne mit Ihnen diskutieren wollen…

Wir treffen uns zum 9. Zukunftsforum Deutsche Manufakturen am 11. und 12. Mai 2017 in der Porzellanmanufaktur Fürstenberg im gleichnamigen Ort bei Höxter im Weserbergland. Die berühmte Manufaktur, gegründet im Jahr 1747 durch Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel – ist heute immer noch in niedersächsischem Staatsbesitz. Fürstenberg hat gerade seinen ‚Mitmach-Bereich‘ und den musealen Teil mit großem Aufwand auf den neuesten Stand gebracht. Auch Fürstenberg hat in den vergangenen Jahren die eigene ‚Aufstellung‘ verändert und sich Individualreisenden und Endverbraucher-Kunden weiter geöffnet. Geschäftsführerin Stephanie Saalfeld führt uns durch den Betrieb und erklärt die Konzeption.

Das Programm mit dem Anmeldeformular für das Zukunftsforum mit dem Titel

Projekte für Manufakturen

finden Sie auf unserer Homepage als PDF zum Herunterladen – nutzen Sie die Gelegenheit, sich Denkanstöße für Ihren Betrieb zu holen!

Wir laden Sie aber auch wieder ganz herzlich ein zur Verleihung der Auszeichnungen „Manufaktur des Jahres“ sowie „Manufaktur-Produkt des Jahres“. Die Verleihungen der Auszeichnungen des Wettbewerbs 2017 finden im Rahmen des Zukunftsforums am 11. Mai 2017 um 19.00 Uhr im Schloss Fürstenberg statt.
Die Teilnahme an der Abendveranstaltung mit den Preisverleihungen ist frei und unabhängig von der Teilnahme am Zukunftsforum.

Wir freuen uns schon auf Ihre Anmeldung für dieses traditionelle Treffen der Manufakturen-Branche und wünschen Ihnen eine gute Anreise!

Bremen, im April 2017

Wigmar Bressel
Hartmut Gehring
– Vorstand –

Deutsche Manufakturen e. V.   Kirchweg 200   28199 Bremen   Tel. 0421 – 55 90 6-20   Fax 55 90 6-55   VR 7441 HB   www.deutsche-manufakturen.org
Vorsitzender: Wigmar Bressel (Koch & Bergfeld Besteckmanufaktur) stellv. Vorsitzender: Hartmut Gehring (Gehring Schneidwaren)
Beirat: Lothar Göthel (SGT Spezial- und Gerätetaschen), Dr. Thomas Koy (Holzmanufaktur Liebich), Andreas Mann (SeitzMann), Elmar. J. Merget (Weigang), Wolfram Mümmler (e+m holzprodukte), Andreas Müller (Mühle Rasurkultur), Matthias Vickermann (Vickermann und Stoya)

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Einladung zum Wettbewerb um das ‚Manufaktur-Produkt des Jahres 2017‘

22. Februar 2017, Bremen. Der Verband Deutsche Manufakturen e. V. startet den neuen Wettbewerb zum „Manufaktur-Produkt des Jahres“:

Welche Manufaktur bringt das spektakulärste, innovativste, wertigste neue Produkt auf den Markt? Wer belebt ein altes Traditionsprodukt wieder? Der Wettbewerb traditionell gegen neu, technisch gegen einfach, luxuriös gegen puristisch geht in die vierte Runde…

Einsendeschluss ist der 13. April 2017.

Die Jury freut sich auf Ihre Bewerbung! Und wir uns auf einen würdigen Festakt zur Auszeichnung der Sieger 2017 in den Räumen der Porzellanmanufaktur Fürstenberg in Fürstenberg/Weser.

Zur Ausschreibung: PDF-Download von der Seite des Verbandes Deutsche Manufakturen

Zur Pressemitteilung zu den Gewinnern des Jahres 2016 auf der Seite des Verbandes Deutsche Manufakturen…

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Der Journalist Martin Specht: Manufakturen, Handwerk, Drogen, Krieg

05.02.2017, Wuppertal. Ehrlichgesagt, habe ich einfach Lust, zum Jahresbeginn mal ein paar Fotos zu zeigen. Meiner Meinung nach gute Fotos, teilweise noch nie veröffentlicht, aus der Manufakturen-Szene. Sagt man Fotos – fragt man nach dem Fotografen. So schreibe ich einfach einmal über Martin Specht, einen international tätigen und in Fachkreisen bekannten Fotografen und Journalisten, dessen Bilder in vielen renommierten Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind – von BILD über STERN und NEW YORK TIMES war alles dabei.

Ich mag Martin Spechts Fotos und seine Art zu schreiben und zu erzählen. Gerade die Texte seiner bisherigen Bücher klingen nach „C‘est la vie“ – jedoch ohne demonstrierendes Achselzucken. Seine Fotos haben einen erzählenden Stil – meistens actionreich, manchmal sind sie auch nur traurig und leer. Oder doch sehr cool.

Kennengelernt habe ich ihn im Dezember des Jahres 1990, als er mich für die BILD-Zeitung mehrfach porträtierte. Die Fotos haben mir so gut gefallen, dass ich mich von ihm später für meine Eltern fotografieren ließ – mitten in Halle an der Saale auf dem Marktplatz. Meine Eltern sollten Fotos von ihren Kindern zur Silberhochzeit bekommen. Ich wollte eins mit Tageslicht. Es war ungewohnt, vor all den Passanten auf dem Markt immer wieder die Brille abzunehmen und im richtigen Winkel vor das Gesicht zu halten – so, wie es Martin gefiel; und es galt noch das Vertrauen in den Fotografen, denn es gab ja noch keine Digitalkameras, auf deren Bildschirmen man die Meinung des Fotografen kontrollieren konnte. Martins damaliges Foto hängt heute noch zusammen mit den Anderen bei meinen Eltern im Wohnzimmer…

Dann ging es um die Jurysitzung zum „Manufakturprodukt des Jahres 2014“ sowie das 6. Zukunftsforum Deutsche Manufakturen bei Weigang im fränkischen Ebern – wer soll es fotografieren? Aus irgendeinem Grund dachte ich an Martin Specht, obwohl wir bestimmt fünfzehn Jahre keinen Kontakt mehr hatten. Google brachte seine Internetseite, über sein Satellitentelefon erwischte ich ihn bei der Arbeit in Afghanistan – wir verabredeten uns zum Telefonieren nach seiner Rückkehr.

Erstaunlicherweise waren die Aufträge trotz seiner Internationalität für uns bezahlbar. Martin Specht sagt dazu nur: „Ich freue mich ehrlichgesagt über jede Anfrage, versuche es immer möglich zu machen.“

Martin Specht wurde im Jahr 1964 in Wuppertal geboren, wo sein Vater bis vor kurzem ein Architekturbüro betrieb, wuchs dort auf – und lebt heute wieder dort. Seine Karriere begann im Jahr 1989 mit dem Porträtieren des Zusammenbruchs des Ostblocks, er ging dann mit den Amerikanern in den Irak, war auf dem Balkan, an vielen Brandherden in Afrika. Im Jahr 2005 dokumentierte er für die Vereinten Nationen die Hungersnot in Niger und das Erdbeben in Pakisten, lebte jedes Jahr mehrere Monate beruflich in Bagdad.

Dann immer wieder Afghanistan. Etliche Male war er bei der Jagd auf Osama bin Laden dabei, begleitete das Marine-Corps bei ihren Luftlandeoperationen (er erhielt im Jahr 2014 für eine Reportage von den Marines den ‚Sergeant Major Dan Daly Award‘).

Bei einer Reportage in Südfrankreich über ein Altersheim für Deutsche, die in der französischen Fremdenlegion gedient haben, entstand die Idee zu seinem ersten Buch: ‚Heute trifft es vielleicht dich – Deutsche in der Fremdenlegion‘, über eine Reportage und sein Leben bei Mara-Jugendgangs in Guatemala entstand die Idee zum Buch ‚Narco Wars‘, dann kam ein Ghostwriting des Weges…

Martin Specht wurde für den Henry-Nannen-Preis nominiert, stand auch auf dessen Shortlist – neben Grimme die höchste Auszeichnung, die man in Deutschland als Journalist erfahren kann. Dann seine Nominierung zum Prix Bayeux-Calvados, dem französischen Kriegsberichter-Preis.

Manufakturen-Blog: Selfie von Martin Specht in Mossul (Irak) während der Offensive im Dezember 2016 (Foto: Martin Specht)

Manufakturen-Blog: Selfie von Martin Specht auf den Ölfeldern von Qayyra (Irak) während der Offensive im Dezember 2016 (Foto: Martin Specht)

In Ebern holte ich ihn an einen Tisch mit Lothar Göthel, Inhaber der Spezial- und Gerätetaschen-Manufaktur SGT / Ars Galea im sächsischen Burkhardtsdorf. Göthel produziert auch die von ihm entwickelten schussicheren Kevlar-Westen für viele Spezialkräfte – unter anderem für israelische auf den Golan-Höhen, die die teure Besonderheit haben, dass sie die Einzigen sind, die den Beschuss der Kalaschnikov aushalten – dem Standard-Sturmgewehr mit der höchsten Geschoss-Mündungsgeschwindigkeit (bei ca. 900 km/h). So fand ein interessantes Gespräch statt über Militärtechnik und Notwendigkeiten und ich musste an Fotos von Martin aus Afghanistan oder dem Irak denken, an dem er als Einziger unter lauter Marines seinen bevorzugten Delta-Force-Helm trägt. Der Helm hat eine steilere Front, vor der man mit einem Fotoapparat besser operieren kann. Göthels Weste trägt Specht übrigens nicht – sie ist von den Standard-Kräften nicht zugelassen, denn Kevlar ist nicht stich-, sondern nur schussfest. Aber die Spezialkräfte schert das nicht, sie schätzen deren andere Vorteile…

Im Sommer 2015 haben Martin Specht und ich dann ein Projekt begonnen – Fotoreportagen über Manufakturen in Bremen und Niedersachen, in unserer Freizeit. Wie die sogenannte Wilhelm-Wagenfeld-Tischleuchte bei Tecnolumen montiert wird, die Besteckproduktionen von Wilkens und Koch & Bergfeld arbeiten, wie Lautsprecher bei Ceratec Audio Design zusammengesetzt werden…

Irgendwann wird es fertig und ergibt ein Buch.

Den Fotos aus der Manufakturen-Branche habe ich Fotos aus zwei seiner Reportagen gegenübergestellt: Eine über die Wayuu, ein indigenes Volk in Kolumbien, das die bekannten Mochila-Taschen fertigt; sowie die Bilder von einer Reportage aus der Gegend der umkämpften Stadt Mossul im Irak – beide aus dem Jahr 2016. Im Anschluss an Martin Spechts Fotos können Sie ein Gespräch lesen, das ich im Dezember 2016 mit ihm geführt und aufgezeichnet habe.

 Fotos aus der Manufakturen-Branche (aus den Jahren 2014-15):

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Reportage über die Produktion der traditionellen ‚Mochilas‘ (Taschen) durch das Volk der Wayuu in Nordkolumbien:

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Fotos aus der Reportage vom Beginn des ‚Sturms auf Mossul‘, der letzten Millionenstadt in den Händen des IS – von Martin Specht im Dezember 2016:

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Im Gespräch mit Martin Specht

„Zugang zu Menschen zu finden, ist das Aufwendigste, Wichtigste und Entscheidende“

Wigmar Bressel: Wie siehst du dich?

Martin Specht: Von heute aus betrachtet sehe ich mich vor allem als Autor der drei Bücher, die ich in den vergangenen drei Jahren veröffentlicht habe – zwei zur Fremdenlegion, eins zu den weltweiten Drogenkriegen.  Bei mir geht es in meiner Karriere immer um Reportagen. Ich habe in den vergangenen 15 Jahre überwiegend beides gemacht – Texte und Fotos. Bei mir geht es immer um die Themen, unabhängig davon ob es in der Textsprache oder der Bildsprache stattfindet. Ich sehe mich schon als Journalist und Autor, der mit sehr verschiedenen Themen zu tun hat.

Aber du lässt dir die Themen doch durch die Auftraggeber vorgeben?

Beides. Ich entwickele selber Themen und schlage diese möglichen Auftraggebern vor – also Verlagen oder Redaktionen. Für mache Themen werde ich beauftragt – aber es ist eine Kombination aus beidem.

Gibt es Themen oder Geschichten, die du abgelehnt hast?

Nein, eigentlich nicht. Ich werde aber fast auch nur für die Themen beauftragt, bei denen man denkt, dass ich die Kompetenz dafür besitze. Manche Dinge sind trivialer als andere oder weniger komplex – aber im Grunde ist das Meiste schon interessant.

Warst Du schon überall auf der Welt? Warst Du auf allen Kontinenten?

Australien noch nicht. Viele Themen spielten in Afrika. Der Mittlere Osten natürlich, Lateinamerika, USA.

Europa sowieso.

Europa ist ja Lebensmittelpunkt.

Ist es für einen Journalisten heute egal, wo er lebt? Ist es egal, ob Wuppertal oder Berlin?

Ich denke, in einer globalisierten Welt und mit Zugang zu einem internationalen Flughafen, den es hier in der Nähe gibt, ist es ziemlich egal, wo man lebt. Ich muss nicht täglich irgendwelche Leute treffen, die ich nur an einem bestimmten Ort antreffe. Im Gegenteil – ich bin ja viel unterwegs…

Ist Wuppertal ein Rückzugsort, ein Refugium?

Für mich ist es Heimat. Ich habe hier meine Eltern, ich habe hier Freunde… Als Rückzugsort betrachte ich es nicht. Hier umgibt mich natürlich viel Vertrautes. Wenn ich über die Straße gehe, dann treffe ich Freunde, Bekannte. Ich lebe hier, ich arbeite hier, ich schreibe hier überwiegend an den Büchern…

Man könnte ja sagen, man wählt sich Wuppertal, um ein bisschen abgeschieden zu sein…

Ich sehe das nicht so. Ich lebe hier ganz komfortabel. Wenn ich arbeite, sitze ich vornehmlich in meinem Arbeitszimmer und würde dann auch nicht durch Berlin-Mitte schlendern. Also ich glaube es ist egal, in welcher Stadt ich in Mitteleuropa lebe.

Du bist ja dein ganzes Leben schon selbständig, warst auch noch nie angestellt – ist das wichtig für das Lebensgefühl des Journalisten Martin Specht?

Das hat sich einfach nur nie anders ergeben. Ich habe es mir nicht frei gewählt. Es ist so wie es ist – ich musste mich nie entscheiden.

Was ist das Spannendste, was du gemacht hast?

Immer das Nächste… Lateinamerika beschäftigt mich natürlich sehr. Das hängt sehr mit der Herausforderung zusammen. Das, was vor mir liegt, ist spannend, weil mich die Frage sehr beschäftigt, ob es mir gelingt, das neue Thema umzusetzen. Ich begegne Menschen, ich komme an fremde oder neue Orte – von daher ist das vor mir Liegende und Unbekannte immer das Spannendere.

Du hast viele Reportagen gemacht an aus der Sicht der Allgemeinheit sehr gefährlichen Orten. Und das ist ja eine Entscheidung zu sagen: Ich bin bereit, mitten in den Irak-Krieg zu gehen, ich bin bereit, in Afghanistan bei der Jagd auf Osama bin Laden mitzumarschieren, Motive zu suchen und zu finden, bei der man ja doch unter einer akuten Bedrohungslage ist. Da gibt es Schießereien und Querschläger – du hast mir mal geschildert, wie du mehrfach für mehrere Stunden unter Beschuss lagst. Man könnte sich ja auch sein Brot mit Reportagen verdienen, die eine viel höhere Wahrscheinlichkeit haben, dass einem nichts passieren kann…

Kann schon sein. Ich denk natürlich, dass man das macht, was man am besten kann und im Optimalfall, was einen interessiert. Diese Frage der Gefahr oder Nichtgefahr… Natürlich ist es gefährlich. Andererseits ist es dadurch natürlich auch interessant.

Dieses Interview in Deinem Buch ‚Narco Wars‘ mit dem Auftragskiller – wie geht man in solch ein Thema rein? War das Erfahrung? Hattest du ein ausreichend beruhigendes Bauchgefühl? Oder hattest du dabei Angst? Man will ja nicht vorgeführt bekommen, wie Menschen ermordet werden, möchte auch nicht selbst zum Abschluss ermordet werden…

Ach Angst eigentlich nicht. Das war spannend. Jedesmal ist es auch wieder neu. Dieser Begriff der ‚Erfahrung‘ ist nur relativ zu nutzen. Auch wenn ich mich seit Jahren in diesen Ländern bewege, ist der Unberechenbarkeitsfaktor doch hoch. Jedesmal ist wieder neu. Ich versuche mich nicht mit ‚Erfahrung‘ in falscher Sicherheit zu wiegen. Bei manchen Leuten habe ich ein gutes Gefühl – wie bei jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Bei anderen Leuten denke ich: Okay, besser etwas vorsichtiger. Bei Kriminellen bin ich generell sehr vorsichtig – sie sind eben kriminell…

…du hast doch auch mal diese große Mara-Reportage gemacht…

…genau, diese Leute sind kriminell, sie sind zum Teil auch drogenabhängig und wissen auch nicht immer, was sie tun. Und mögen auch nicht immer Journalisten. Manchmal ja, manchmal nein. Das kann sich ändern und kippt dann auch schon mal während der Reportage, es kann sich im Zuge einer Begegnung schlagartig ändern. Ich bin grundsätzlich schon vorsichtig.

Aber man kann ja solch einer Situation dann oft nicht schnell entkommen.

Man muss den Leuten begegnen und sich anhören, was sie zu sagen haben.

75 tote Journalisten im Jahr 2016.

Ja, es werden jedoch überwiegend die Journalisten umgebracht, die permanent in diesen Ländern leben. In Mexiko zum Beispiel. Für mich, der ich mich dort maximal zwei-drei Monate aufhalte, sehe ich das nicht so als Problem. Aber für die, die da wirklich leben, mit ihren Familien, bekannt sind. Und die Drogenkartelle besitzen natürlich auch Radio- und Fernsehsender. Der von mir in ‚Narco Wars‘ beschriebene und sehr bekannte ‚Drogenbaron‘ Pablo Escobar war Herausgeber einer Zeitung, des Medellin Civico – von daher sind dann auch die Journalisten, die für diese Medien arbeiten, Teil des Geschehens.

Du beschreibst eine Szene in Mexiko, in der du mit einem Informanten unterwegs bist. Dann passiert etwas in einer Seitenstraße. Ihr haltet an, macht ein paar Fotos – dann entscheidet ihr, doch weiterzufahren, weil die Situation „aggressiv“ wurde. Lebt der Informant noch, hast du zu ihm noch Kontakt?

Ja, tut er. Ich versuche grundsätzlich, den Kontakt zu allen Informanten zu halten, so gut es geht. Vor allem natürlich zu den Informanten, die mir sehr geholfen haben. Das ist auch für mich wichtig. Für mich enden Geschichten ja nicht nach einer Veröffentlichung – ich komme da immer wieder drauf zurück, nutze Informanten wieder, wenn ich wieder in das Land komme.

Das Wichtigste sind für Dich und Deine Kontakte also funktionierende Kontakte.

Zugang zu Menschen zu finden, ist das Aufwendigste, Wichtigste und Entscheidende – und die halte ich dann natürlich auch.

Wird dir in diesen Ländern immer geglaubt, dass du Journalist bist? Oder wird manchmal auch vermutet, dass du doch für einen ausländischen Dienst arbeitest?

Wenn man es vermutet, vermutet man es – aber ich glaube eher nicht. Ich bin eher der nette deutsche Journalist.

Du machst gerade ein Buch für den Ch. Links Verlag über Kolumbien – das Land. Was gibt es zu entdecken?

Die Kultur, die Geschichte – es hängt natürlich auch wieder eng mit der Drogenproblematik zusammen. Es gibt da aber viele Gebiete, die angenehm und interessant sind und in denen man sich bewegen kann. Die Natur ist grandios. Das Problem ist allerdings, dass es schon schlagartig unangenehm werden kann, wenn man die touristischen Pfade verlässt. Sich in den großen Städten aufzuhalten, ist meiner Meinung nach kein Problem – oder an der Karibikküste. Da gibt es wirklich nette Orte, da kann man Urlaub machen.

Wenn du jetzt nach Medellin zurückkehrst, um an dem Kolumbien-Buch weiterzuarbeiten – hat das dann jemand mitbekommen, dass ‚Narco Wars‘ erschienen ist?

Ja, ich habe darüber sogar dort an der Universität von Antiochia mit Studenten diskutiert. Das wissen die Leute schon.

Und wie sehen die Studenten das so?

Für die heute Anfang bis Mitte Zwanzigjährigen sind Pablo Escobar und das Medellín-Kartell Geschichte. Sie wissen natürlich, dass es immer noch Drogenkriminalität in großem Stil gibt, aber die ist heute weniger auffällig, verborgener. Das spektakulärere Geschehen findet inzwischen in Mexiko statt. Natürlich hängt es zusammen. Für die Studenten ist der Friedensprozess mit der FARC und der ELN ein wichtiges und vieldiskutiertes Thema.

Du warst jetzt ja gerade wieder im Irak, warst beim sogenannten ‚Sturm auf Mossul‘ dabei, sagst: Es ist dort so kaputt, wie noch nie.

Es wird immer kaputter.

Du erzählst, dass es in der arabischen bzw. islamischen Welt eine große Unruhe gibt, die du mit einem dritten Weltkrieg vergleichst, da die schweren bewaffneten Auseinandersetzungen sich quer durch Afrika über den Golf bis nach Pakistan ziehen.

Also für die muslimische Welt ist es im Moment schon wie ein Weltkrieg. Die massiven Zerstörungen. Die ständige Angst, Bombardements und Beschuss ausgesetzt zu sein, der Willkür des Krieges, jedes Sicherheitsgefühl verloren zu haben. Das erzeugt die großen Flüchtlingsbewegungen: Syrien, Irak, Afghanistan, Jemen – selbst Pakistan. Einige dieser Staaten scheinen auch zu zerfallen. Kein Mensch weiß, wie lange es den Irak noch geben wird. Die Folgen sind schon gravierend.

Wie sehen denn deine Informanten und Kontaktpersonen die Situation? Sie erleben ja die Zerstörung ihrer uralten Kulturen und Landschaften. Fordern sie von uns mehr Engagement? Oder sollen wir uns raushalten?

Ich glaube, in Syrien und im Irak haben sich schon viele Menschen ein stärkeres Eingreifen und Engagement des Westens gewünscht.

Das sind ehemalige Kolonien – es gab ja früher kaum nicht-kolonialisierten Raum…

Man darf nicht vergessen, dass ein Teil dieser Länder zuvor Gebiete und Regionen des Osmanischen Reichs waren oder zu dessen Einflussbereich gehörten – denn die osmanischen Sultane waren ja auch kolonial; sogar imperial, wenn man will. Es war nicht nur Europa, das Kolonien unterhielt.

In Mali hat der überwiegende Teil der Bevölkerung das Eingreifen der früheren Kolonialmacht Frankreich begrüßt. Mali hatte keine richtige Armee. Es gab da trotzdem einen Militärputsch, der das Land aber so geschwächt hat, dass diese fundamentalistischen Milizen im Anschluss weite Teile erobern und sich dort halten konnten. Mali hatte dem nichts entgegenzusetzen, keine echte Armee, die denen hätte begegnen können. Das ging nur mit Hilfe von außen.

Ist die Idee vom Nationalstaat für diese Regionen noch zeitgemäß?

Die Kulturen sind alt, die Völker, die dort leben, sind da schon sehr lange und viel länger, als die in der jüngeren Vergangenheit willkürlich mit dem Lineal auf Karten gezogenen Grenzen. Der Staat wird überall dort Bestand haben, wo er von der Bevölkerung als positiv angesehen wird. Aber wenn der Staat nur so wahrgenommen wird, als wäre er mit Checkpoints überzogen, wo mir auch noch Geld abgenommen wird, wenn ich von einem Ort zum Nächsten fahren will. Der korrupt ist und dann noch dem erstbesten Feind, wie dem IS, ein Drittel des Landes kampflos überlässt – da stellen sich viele Menschen die Frage: Was bindet mich an diesen Staat?

Wo starke ethnische Konflikte vorhanden sind, wo Korruption herrscht oder der Staat schlicht unfähig ist – diese Staaten werden meiner Meinung nach wieder zerfallen.

Wie groß ist deiner Meinung nach das Kurden-Thema für die nördlichen Teile der damit konfrontierten Staaten – glaubst du, dass es einen Kurdenstaat geben wird?

Hängt davon ab, wer sich dafür interessiert und einsetzt. Die Kurden versuchen das seit vielen Jahren, haben jetzt eine Autonomie im Nord-Irak. Es ist meiner Meinung nach eher eine wirtschaftliche Frage. Und: Wer würde ihn anerkennen? Ohne das geht es ja auch nicht. Wenn die Kurden morgen einen Staat ausriefen und Krieg mit der Regierung in Bagdad – an der sie ja beteiligt sind – darüber führten, dann wäre es doch die Frage, wer diesen neuen Staat anerkennen würde.

Die Türken werden es nicht anerkennen.

Die Türken werden es nicht anerkennen.

Ich weiß es nicht. Es hängt auch davon ab, wie sich der Irak weiterentwickelt. Es gibt bestimmt Gruppen, die es wollen. Es gibt Andere, die es nicht wollen. Es reduziert sich auf die Frage: Wer erkennt ihn an und wer würde ihn schützen.

Also hängen die Kurden doch von unser aller Haltung ab – und weniger von sich selbst.

Ich würde es sagen, ja. Die kurdische Armee hat keine schweren Waffen…

…weil sie ihr auch keiner gibt.

Genau. Im Moment sind die Kurden wichtig als Verbündete im Kampf gegen den IS. Aber die Städte Erbil und Kirkuk sind auch Wirtschaftsstandorte und Machtzentren, Kirkuk hat Öl. Durch sie läuft der Handel mit der Türkei. Andererseits hat Kurdistan auch viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen – das ist auch keine einfache Ausgangslage. Aber ich kann es echt nicht einschätzen, wie das ausgeht.

Nationalstaaten oder größere Staaten bieten ja auch Chancen. Im afrikanischen oder afghanischen Stammes-Flickenteppich – ohne Nationalstaat als Klammer – gäbe es dann für viele Volksgruppen eben keinen Zugang zu Universitäten, kein funktionierendes Versicherungssystem, vielleicht keine Krankenhäuser. Wenn die Masse des Steueraufkommens zu gering ist, funktionieren viele Sozial- und Infrastrukturleistungen nicht, sie können nicht stattfinden.

Ja, das ist so.

Was gibt es für eine Geschichte, die du noch unbedingt machen musst? Zur ISS hochfliegen?

Schön wär’s… Ich würde gerne. Bestimmt interessant. Der ferne Blick. Auf die Erde. Aufs Ganze.

Aufgezeichnet am 19. Dezember 2016 bei Martin Specht in Wuppertal in der Küche sitzend und Kaffee trinkend, nachdem wir auf meinen Wunsch die erste Fahrt meines Lebens mit dieser weltberühmten Schwebebahn gemacht haben – aber auch Martin Specht war von der Tour begeistert: „Hey, das sind ja die neuen Wagen. Die sind gestern erst indienstgestellt worden – mit denen bin ich auch noch nicht gefahren!“

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Von Weihnachtsmännern, Krippen und dem Christkind – Marolins Papiermaché aus dem Schiefergebirge

16. Dezember 2016, Steinach. Eine der faszinierendsten Manufakturen, die uns die deutsche Wiedervereinigung beschert hat, ist der Figuren-Hersteller Marolin aus dem thüringischen Steinach. Faszinierend, weil das Unternehmen seit dem Jahr 1900 Weihnachtsmänner, Osterhasen, Krippen aus der selbstentwickelten und markenrechtlich geschützten Marolin-Masse herstellt – einer Papiermaché, die ähnlich Porzellan entweder in Model gedrückt oder in Gipsformen gegossen wird; anschließend erfolgt das Bemalen von Hand.

Das Unternehmen wurde von Richard Mahr gegründet und gemeinsam mit seiner Frau Minna entwickelt. Mahr war figürlicher Porzellanmaler, hatte auch in einer Porzellanmanufaktur gearbeitet. Er beschloss sich jedoch auf Papiermaché zu konzentrieren – er vermutete einen Wettbewerbsvorteil bei den Kunden im Vergleich zum teureren Porzellan. Er tüftelte und probierte – irgendwann hatte er das passende Material, gab ihm die ersten beiden Buchstaben seines Namens. Und tatsächlich machte das Unternehmen seinen Weg, beschäftigte vor dem 2. Weltkrieg bis zu 150 Mitarbeiter. Im Jahr 1940 erfolgte die kriegsbedingte Einstellung der Produktion.

Nach dem Krieg der Neustart – aber mit der Block-Bildung und der Zugehörigkeit zum Ostblock das Aus für Krippen und Weihnachtsmänner, Osterhasen und anderen Schmuck aus Marolin für die Jahreszeitenfeste. Vorläufiger Tiefpunkt: Die Enteignung im Jahr 1974, die Überführung in einen  „Volkseigenen Betrieb“ („VEB“) und schließlich als Betriebsteil eines Kombinats. Was der Ostblock beim Betriebsteil „Marolin“ orderte, waren Plastik-Spielfiguren im Spritzgussverfahren. Und irgendwann auch der Westen: Vedes, Karstadt, ToysRus bestellten günstig in Steinach in der DDR.

Dann kam das Ende der DDR… Evelyn Forkel, Urenkelin des Firmengründers, studierte Bauingenieurin, wandte sich gemeinsam mit ihrem Vater, der im Außenhandel des Kombinates, das sich das elterliche Unternehmen einverleibt hatte, weitergearbeitet hatte, an die Treuhand, kaufte den früheren Familienbetrieb zurück. Es schwang Nostalgie mit – aber es war auch eine Flucht nach vorn: Das Geschäft mit den Kunststoff-Spielzeugtieren lief und hätte doch eine Zukunft auch nach der Wiedervereinigung bieten können… Bot es aber nicht. In kürzester Zeit waren die West-Kunden aufgrund steigender Löhne und Gehälter weg. Und guter Rat teuer.

Wirklich teuer. Denn das Marolin-Rezept war auch weg. Es galt schon lange als verloren. Weil sich zu DDR-Zeiten niemand mehr dafür interessiert hatte. Ein großer Brand hatte sich im Jahr 1958 durch die Fachwerkimmobilie gefressen, auch noch viele alte Formen vernichtet.

Beim großen Aufräumen gab es die Überraschung: Auf einer Kellertür stand das verlorengeglaubte Rezept geschrieben, hatte in der Unbeachtung überlebt – und das Unternehmen konnte zu seinen Wurzeln zurückkehren.

Unter der Bezeichnung Papiermaché wurden schon verschiedenste Massen angerührt – die von Marolin besteht aus Ton, Kaolin, Pflanzenleim – und eben Papierfasern. Hinzu kommen Skelettdrähte, die den größeren Figuren zusätzliche Stabilität verleihen. Die genaue Zusammensetzung ist natürlich ein Betriebsgeheimmnis.

Tja, handbemalte Papiermaché – ökologisches und nachhaltiges Material hin, modernste zertifizierte Acrylfarben her – braucht das irgendjemand im 21. Jahrhundert? Waren nicht die schwerverwüstlichen Kunststoffspritzguss-Spielzeugtiere genau das Richtige für Kinder?

Christian Forkel, Richard Mahrs Ururenkel, der Verkauf und Marketing von Marolin leitet, sieht das natürlich auch so: „Echte Marolin-Figuren sind eher empfindlich. Ähnlich Porzellan. Es kann etwas abbrechen – und sie dürfen besser nicht runterfallen. Obwohl wir Vieles reparieren können.“ Und sie wären auch teures Spielzeug: Kleine Figuren kosten schonmal dreißig Euro, große mehr als hundert und mehr.

„Es handelt sich auch im eigentlichen Sinn nicht um Spielzeug, sondern um Design und Kunsthandwerk.“ Vielleicht auch Kulthandwerk – seriell – aus der Manufaktur. Denn die Figuren haben einen ganz eigenen Charme. Ihnen fehlt die Lackiertheit von Porzellanfiguren. Sie sind angenehm leicht, wirken fast zerbrechlich. Die Gestaltung ist eher naturalistisch… – aber kann man das von einer Figur, wie dem Weihnachtsmann, überhaupt sagen?

Marolin fertigt rund 50 verschiedene Weihnachtsmänner – in verschiedenen Größen und Ausführungen – der Verrückteste sitzt in einer Art Seifenkiste aus einem großen Schuh, ein Anderer aus den 1950er Jahren trägt ein Kind – dem Christkind sehr ähnlich – auf seiner Schulter. Forkel: „Das kann man ironisch sehen – die Figur entstand unter dem Eindruck der jungen DDR.“

In Zeiten von Facebook werden Diskussionen dazu „socialnetworkend“ geführt. Eintrag auf der Marolin-Facebook-Seite: „Lasst doch diesen neumodischen Kram“ – gemeint ist der Weihnachtsmann.

Dabei ist der Weihnachtsmann eine der wirklich alten Figuren der Menschheit. An der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale sitzt ‚der‘ deutsche Spezialist für den Weihnachtsmann – der Ethnologe Professor Dr. Thomas Hauschild. Hauschild veröffentlichte im Jahr 2012 den 6000 Mal verkauften wissenschaftlichen Bestseller „Weihnachtsmann – die wahre Geschichte“ (S. Fischer Wissenschaft, ISBN 978-3-10-030063-8) – im Gespräch dazu sagte er mir: „Die Idee vom Weihnachtsmann entstand vermutlich zuerst in Asien. In China gibt es den Gott Shou Xing, den kann man seit etwa dreitausend Jahren nachweisen. Der sieht unserem heutigen westlichen Weihnachtsmann sehr ähnlich – roter Mantel, weißer Bart, individueller Helfer im kalten Winter und ansprechbar für ein langes Leben.“ Und: Shou Xing fährt im rentiergezogenen Schlitten über das Firmament. „Dann gibt es den ‚Weißen Alten‘, der aus dem Himalaya in die Mongolei hinabsteigt – der ist auch sehr alt, aber mangels schriftlicher Zeugnisse schwer zu datieren.“ Und um 600, 700 unserer Zeitrechnung taucht der Bischoff von Myra (heute: Demre) aus Kleinasien bei uns auf – Nikolaus. Hauschild: „Man muss die Seidenstraße mitdenken, den uralten Austausch. Die Chinesen tauchten um Fünfzehnhundert mit Schiffen, die dreimal so groß waren, wie die von Columbus, an der Ostküste Afrikas auf. Da war der Austausch um die Idee vom Weihnachtsmann längst in vollem Gang. Ich denke, seit dem frühen Mittelalter war der Weihnachtsmann bei uns in Europa ein Faktor. Aber ich spreche sowieso lieber von einem Geflecht, er ist heute überall auf der Welt anzutreffen – die Weihnachtsmann-Idee ist gut und groß. Sie gehört zur Menschheit. Kindern und Alten, Schwachen und Kranken in Dunkelheit und Kälte zu helfen und ihnen etwas zu schenken – das ist eine einfache und zugleich starke Idee. Man könnte auch sagen: Der Weihnachtsmann steht für die Menschenrechte.“

Und das Christkind? Hauschild: „Das Christkind ist ja eine Idee der Reformation, von Martin Luther und der evangelischen Bewegung, sollte den Weihnachtsmann-Kult eindämmen und dem Christentum etwas für die kalten Tage und Nächte im Winter geben – es konnte sich jedoch nie durchsetzen. Kurioserweise ist es heute eher in katholischen Gegenden zu Hause. Aber es ist einfach nicht spannend genug.“

Heute fertigt Marolin – ganz korrekt: die Richard Mahr GmbH – wieder rund 1300 verschiedenste Figuren. Aus der selbstentwickelten Marolin-Masse. Nach den Entwürfen von Richard Mahr selbst, aber vor allem nach denen seines Mitarbeiters Julius Weigelt, inzwischen aber auch nach denen seines Ururenkels Christian Forkel. Wenn man Forkel folgenden Halbsatz hinwirft: „Das Weihnachtsgeschäft ist…“, dann beendet er ihn irgendwie seufzend so: „…dominierend. Wir machen 80 Prozent unseres Jahresumsatzes in dieser Zeit. Schöner wäre es, wenn es kontinuierlicher liefe – aber es ist eben so.“ Einzige Unterbrechung: die Osterzeit mit den Osterhasen – auch wieder so ein Marolin-Thema.

Marolin baut einstweilen Weihnachten weiter aus. Inzwischen hat man sich das Bemalen von Glas angeeignet, historische Formen für Weihnachtsbaumschmuck aus Thüringen aufgekauft. Forkel: „Viele Leute sind die modernen Farbvorgaben aus dem Handel – dieses Jahr pink, nächstes Jahr blau – leid. Sie wollen traditionellen Schmuck kaufen können. Das bieten wir jetzt auch.“ Gerade ging der neue Internet-Shop online.

Fotos: Christian Forkel, Wigmar Bressel

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Ausstellung „Die schönsten Manufaktur-Produkte – 45 neue Meisterstücke aus deutschen Manufakturen“ im Direktorenhaus in Berlin

9. Dezember 2016, Berlin. Die vorweihnachtliche Ausstellung im Direktorenhaus in Berlin zeigt 45 neue und wiederentdeckte Meisterstücke aus deutschen Manufakturen. Sie zeigt, dass auch Manufakturen ständig neue Produkte entwerfen, weiterentwickeln, modernisieren – für einen sich ständig weiterentwickelnden Markt.

Schön. Mit einem großen Anteil Handarbeit. Innovativ.

Vom feinen doppelwandigen Porzellan bis zur neuen Messerform. Von Globus bis Uhr. Von Maßschuh bis zum „unkaputtbaren“ Brillengestell. Alles Manufakturarbeit.

Von ALLGÄUER KERAMIK, BERLINER MESSINGLAMPEN, COLUMBUS VERLAG, KAFFEERÖSTEREI DE KOFFIEMANN, EMIL SCHEIBEL SCHWARZWALDBRENNEREI, FLAIR, FEINGERÄTEBAU K. FISCHER, GÜDE, MONO, PORZELLANMANUFAKTUR FÜRSTENBERG, STRICKMANUFAKTUR ZELLA, TUTIMA UHRENFABRIK, WALDMANN, WENDT & KÜHN, KUPFERMANUFAKTUR WEYERSBERG, MAROLIN, DIBBERN, LMW LEUCHTENMANUFACTUR WURZEN, GLASMANUFAKTUR VON POSCHINGER, GEHRING, MÜHLE SHAVINGS, SGT SPEZIAL- UND GERÄTETASCHEN, VICKERMANN & STOYA, TAMESIS DESIGN.

Begleitet wird die Ausstellung von Fotografien des Künstlers Stefan Berg. Durch die Beobachtung eines Schuhmachers hat Berg Sinn und Sinnlichkeit, Innovation und eine sehr am Menschen orientierte Arbeitsform neu entdeckt.

Vernissage: 9. Dezember 2016, 19.00 Uhr

Ausstellungslaufzeit: 12. – 19. Dezember 2016, Mo – Fr 9.00 – 17.00 Uhr, Sa 14.00 – 17.00 Uhr, So geschlossen

Eintritt frei

Direktorenhaus – Museum für Kunst Handwerk Design, Am Krögel 2, 10179 Berlin

Ein Gemeinschaftsprojekt von Direktorenhaus und Verband Deutsche Manufakturen e. V.

Foto: Deha Uzbas

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„Industrie 4.0 ist in der Manufaktur kein Widerspruch“

29. November 2016, Raubling. Die Wirtschaft steht an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Durch das Internet getrieben, wachsen reale und virtuelle Welt immer weiter zu einem Internet der Dinge zusammen. Die Kennzeichen der künftigen Form der Industrieproduktion sind die starke Individualisierung der Produkte unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten Produktion, die weitgehende Integration von Kundinnen und Kunden sowie Geschäftspartnerinnen und -partnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse und die Verkopplung von Produktion und hochwertigen Dienstleistungen, die in sogenannten hybriden Produkten mündet. Die deutsche Industrie hat jetzt die Chance, die vierte industrielle Revolution aktiv mitzugestalten. Mit dem Zukunftsprojekt Industrie 4.0 wollen wir diesen Prozess unterstützen.

Ist Industrie 4.0 in der Manufaktur ein Widerspruch? ‚Made in Germany‘ ist als Marke nicht mehr selbstverständlich ein Garant für die Zukunft Deutschlands als Technologiestandort. Nicht stehen bleiben, sondern sich weiter entwickeln heißt die Devise, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Industrie 4.0 stellt uns vor neue Herausforderungen, bietet aber auch enorme Chancen.

Wir von der IDE-Compressors Manufaktur haben uns zu allererst gefragt, ob Industrie 4.0 überhaupt ein Thema ist, das sich in einer Maschinenbaumanufaktur wirkungsvoll verwirklichen lässt – oder stellt es bei aller Prozessautomatisierung eher einen Hemmschuh dar?

Wie stellt man jedoch den eigenen Betrieb zukunftssicher auf, macht ihn „Industrie 4.0 ready“ und wappnet sich für die digitale Zukunft?

Im Austausch mit einigen Gesprächspartnern stellte ich immer wieder fest, dass oft der Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen wird und viele das Thema mit der alleinigen Digitalisierung der Produktion assoziieren.

Industrie 4.0 bietet jedoch sehr viel mehr Möglichkeiten.

Es ist notwendig, Netzwerke zu schaffen, die unsere Manufaktur befähigen, überproportionale Auftragsvolumina so zu handhaben, dass am Ende auch noch ein Ertrag dasteht. Dies bedeutet, mit verlängerten Werkbänken zu arbeiten. Natürlich streben wir nach kontinuierlicher Auslastung, wir können sie jedoch nur bedingt steuern – und gegen Einbrüche im Auftragseingang ist man nicht gefeit. Dafür braucht es dann Ideen, um die Beschäftigung aufrecht zu erhalten.

Der Service ist im Bereich Maschinen- und Anlagenbau ein kontinuierlich wachsender Bereich. Über den Service hinaus sind wir dabei, eine Reihe von Dienstleistungen herauszuarbeiten. Wir sind im Bereich der vernetzten Kompressoren und Füllanlagen sicherlich Vordenker und in einigen Bereichen Technologieführer. Unser Angebot geht eher in Richtung Nullserienfertigung und Ablaufmanagement.

Das Leitmotto ‚Industrie 4.0‘ der Hannover Messe war genau der richtige Impuls. Jetzt gilt es, gemeinsam auch mit Marktbegleitern an definierten Schnittstellen zu arbeiten, um die Vernetzung von Maschinen und Anlagen – insbesondere in der Klein- und Nullserienfertigung – zu standardisieren. Wir werden hier unsere Kernkompetenz, die wir uns in der Entwicklung von Hard- und Softwareschnittstellen und Steuerungen erarbeitet haben, weiter ausbauen und uns als Problemlöser grundsätzlich für alle auf dem Atemluft- und Hochdruckkompressoren-Markt anbieten.

Wir haben 2015 entschieden, dass wir eine komplett neue modulare Digitale HMI-Steuerung und -Überwachung entwickeln werden. Mit diesen modularen Steuerungen werden am Ende mehrere Maschinen-Baureihen ausgestattet.

Damit wollen wir interessierte Kunden, die beispielsweise Anlagen benötigen, die mit einem digital vernetzten Rundum-Sorglos-Paket ausgerüstet sind, gewinnen und bedienen.

Das Gros unserer Wettbewerber ist auf Masse getrimmt. IDE-Compressors Manufaktur ist eine Ideenfabrik, ein Think Tank, – und eine Manufaktur, die kundenspezifische Probleme löst. Wenn es sein muss, bauen wir Maschinen in der Losgröße eins. Wir sind unsere eigene Prozesskette, da wir eine eigene Soft- und Hardwareentwicklung im Haus haben und in keinem Abhängigkeitsverhältnis stehen in Bezug auf die Antriebs- und Steuerungstechnik.

Wir werden auch in Zukunft verstärkt hoch spezialisiert und absolut kundenorientierte Lösungen anbieten, die unseren Kunden weltweit schnell und zuverlässig Vorteile und Kosteneinsparungen bringen. Um unsere Flexibilität zu bewahren, werden wir den Massenmarkt Anderen überlassen. Wir haben natürlich über die verlängerte Werkbank auch eine Serienfertigung. Diese ist notwendig, um dem Wettbewerb bei preissensiblen Produkten gerecht zu werden. So etwas lässt sich nicht auf der Manufaktur-Basis machen.

Wir gehen in der Zukunft den Weg des Ausbaus der eigenen Infrastruktur, für uns ist das Gebot der Stunde, die bisherigen Investitionen zu schützen und neue Dienste für ihre Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter zu entwickeln, um diese an uns zu binden. Denn das erhöht die Zufriedenheit aller Beteiligten und schafft mehr Visibilität. Wir entwickeln Technologien zur Integration der IT-gestützten Steuerungen, Produktions- und Qualitätsüberwachungs-Systeme und die Überwachung der dazugehörigen Prozesse und „Service Levels“.

Somit haben wir uns die Basis für weitere Schritte in der Zukunft geschaffen.

Mein Fazit: Industrie 4.0 ist in der Manufaktur kein Widerspruch.

Foto: IDE-Compressors Manufaktur GmbH / Gabriele Adam

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Lebensmittel-Manufakturen nutzen die Messe „Fisch & Feines“ – und sind sehr zufrieden

5. November 2016, Bremen. Die Bremer Gourmet-Messe „Fisch & Feines“ (4.-6. November 2016) hat sich entwickelt… Ursprünglich mal als „SlowFisch“ und nördliche Partnerin der „SlowFood“ in Stuttgart gestartet, tat ihr die Trennung von der Genuss-Organisation SlowFood Deutschland als Messepartner offensichtlich ganz gut (SlowFood ist natürlich trotzdem auf der Messe vertreten). Inzwischen ist sie rund. Die Laune der Aussteller und Besucher prächtig – darunter einige, teilweise renommierte und prämierte Lebensmittel-Manufakturen. Vorweggenommen mein Fazit: Unbedingt hingehen!

Das Lob gebührt Jürgen Fricke und seinem Team von der Bremer Messe, das die Veranstaltung über die Jahre immer weiter verfeinert hat und inzwischen immer besser passende Aussteller akquiriert. Besser auch in dem Sinne, dass diese gut zueinander passen müssen. Sich ergänzen – und die Erwartungen eines verwöhnten Publikums erfüllen. Jürgen Fricke ist auch soweit zufrieden, wie es ein Messe-Verantwortlicher während der laufenden Veranstaltung sein kann: „Wir geben uns Mühe, aus unserer Sicht passende Aussteller anzusprechen, fahren dafür auch zu interessanten Unternehmen und schauen uns die an.“

Direkt neben einem Backwarenstand in der Halle 1 steht der Lilienthaler Kaffeeröster de koffiemann – Mitarbeiterin Janin Seidel verrät grinsend: „Am Nachmittag war unser Milchvorrat erschöpft – wir hatten nicht mit solch einem großen Interesse gerechnet.“ Na ja, Milch kann man schnell beschaffen. Schlechter war es, als die Profi-Kaffeemaschine von Cimbali plötzlich den Druck nicht mehr durch die Siebe leiten wollte, Café Crema ausfiel… In einer Nachtschicht soll die Maschine wieder voll einsatzfähig gemacht werden.

De koffiemann ist ein innovativer 14-Mitarbeiter-Betrieb, der mit dem langjährigen Background des väterlichen Kaffeehandels von Cornelia Dotschat im Jahr 2009 gegründet wurde. Privatrösterei kann ja theoretisch jeder – aber Innovation ist das Stichwort, das Cornelia Dotschat zur Unternehmerin macht. Obwohl ihre Rösterei noch so jung und klein ist, hat sie im Frühjahr 2016 eine wunderbare Filterkaffee-Idee entwickelt und umgesetzt: Manufakturkaffee im Filterbeutel für eine Tasse. Das Ergebnis unter dem Produktnamen „CupIn“ bietet den tollen Geschmack des langsam gerösteten Kaffees – in Kombination mit der ständigen Verfügbarkeit bei heißem Wasser (also auch auf dem Hotelzimmer und auf Reisen). Der Einzelhandel hat schon unglaubliche Mengen davon verkauft. Dafür wurde de koffiemann vom Verband Deutsche Manufakturen im Wettbewerb um das „Manufaktur-Produkt des Jahres 2016“ mit dem „Sonderpreis Beobachtung von Trends“ ausgezeichnet.

Im September hat Dotschat nun Kapseln für das Nespresso-System in den Markt gebracht – Manufakturkaffee für das beliebte System! Von solch einer kleinen Firma… Klasse!

Ein paar Meter entfernt steht die Natura Wild Gourmetmanufaktur aus dem niedersächsischen Merzen… Was macht diesen Hersteller von Wild-Delikatessen so besonders? Jendrik-Michael Bluhm: „Wir erlegen alles Wild selbst. In unseren eigenen Revieren.“ Wenn man das hört, rechnet man im Kopf und fragt sich, wie groß dann solch ein Betrieb wohl sein kann. Ein Mitarbeiter? Oder ist das Hobby? Aber da liegt man natürlich falsch… Bluhm – von der Ausbildung her Koch und natürlich selbst Jäger: „Wir verfügen über zehntausend Hektar eigene Reviere. Da haben wir natürlich auch Berufsjäger.“ Und der Abschussplan ist bei einer so großen Fläche ja auch entsprechend hoch. Aber auch der Arbeitsaufwand für alles, was damit einhergeht: Pflege des Reviers, Hege des Wilds im Winter.

Wildfleisch wird von Natura keines zugekauft. Trotzdem arbeiten zwölf Mitarbeiter allein in der Schlachterei. Bluhm: „Wir wollen wissen, was wir verarbeiten. Wir nehmen auch nichts aus Drückjagden oder anderen Gesellschaftsjagden. Denn man schmeckt es doch, wenn das Tier zuvor Stress ausgesetzt war.“ Das Unternehmen hat große Pläne, will nun auch noch beim Schweinefleisch „autark“ werden (Wildwürste werden praktisch immer mit Schwein kombiniert, da das Wildfleisch in der Regel zu trocken für die Verwurstung ist und das Fett des Hausschweins braucht): „Wir wollen uns auch da selbstversorgen. Das dient alles der weiteren Qualitätssteigerung“, sagt Jendrik-Michael Bluhm.

Das Land Niedersachen hat die Natura Wild Gourmetmanufaktur im Jahr 2015 zum Kulinarischen Botschafter Niedersachsens erhoben – dafür reiste extra Ministerpräsident Weil nach Bremen und Verlieh die Auszeichnung auf der Fisch & Feines.

Veggie und vegan gibt es auf der Messe natürlich auch. Zum Beispiel um Obst geht es einige Stände weiter bei Elbler. Das Hamburger Unternehmen wurde im Jahr 2012 gegründet – es ging wie so oft um eine Lücke: Nach Meinung der Gründer Jan Ockert und Stefan Wächter fehlte dem deutschen Getränkemarkt dringend Deutscher Cidre. Inzwischen hat das Unternehmen mit seinen Lieferanten aus dem Alten Land (also zwischen dem niedersächsischen Stade und Hamburg-Finkenwerder gelegen) eine ganze Palette aus Cidre und Glühwein mit und ohne Alkohol aufgebaut. Christoph Marnitz erzählt am Messestand: „Alle Äpfel sind Bio, es gibt keinen Zusatz von Zucker und anderen zulässigen Dreingaben.“

Elbler hat sich rasant entwickelt, hat inzwischen zehn Mitarbeiter – und ist weltweit unterwegs. Zum Beispiel mit der „Handmade in Germany Worldtour“ des Berliner Direktorenhauses – einer Ausstellungs-Weltreise von 150 deutschen Manufakturen, Kunsthandwerkern und Designern. Nächster Stopp der Ausstellung: im chinesischen Szenzhen.

Noch ein paar Stände weiter präsentiert sich Schamel, Deutschlands berühmter Meerrettich-Verarbeiter aus dem bayrischen Baiersdorf (mehrfach ausgezeichnet als „Marke des Jahrhunderts“), ein im Jahr 1846 gegründeter Familienbetrieb mit 50 Mitarbeitern, der sich zwar nicht als Manufaktur sieht, aber trotzdem für Manufaktur-Kunden interessant ist: Neu ist Senf von Schamel, im Jahr 2015 auf den Markt gebracht. Es wäre vermutlich kein Schamel-Produkt, wenn der Senf nicht Meerrettich enthielte. Das gibt dem von mir favorisierten „Süßen Senf“ eine wunderbar pikante Note. Das Glas kostet EUR 1,50 am Messestand. Einfach mitnehmen.

Auf dem Rückweg durch Halle 2 sehe ich den Stand von Birgitta Schulze van Loon, Bremens einzige Brennerei mit dem Namen BR Piekfeine Brände, im vergangenen Jahr Drittplazierte mit ihrem Gin Tripple Peak (mit Earl Grey Tee als Botanical, und dann dreifach destilliert) beim „Manufaktur-Produkt des Jahres 2015“. In der Hand hält sie ihren neuen Rum – es ist ein Vorabzug mit handgemachtem Etikett. Schulze van Loon: „Die bestellten Etiketten sind noch nicht da. Hoffentlich kommen sie bis zum Bottle Market Bremen im Dezember.“

Der Rum ist noch jung – dafür nicht mit Zuckerkulör gefärbt. Und er hat einen schönen Namen: „Alma Norte“ – nordische Seele. Übrigens im 50-Liter-Fass der Bremer Fassfabrik Alfred Krogemann –  auch eine traditionsreiche Manufaktur – gelagert.

Ich hatte das Fazit schon vorweg geschrieben: Fisch & Feines 2016 – hingehen!

Messe-Eintritt EUR 9,00 (ermäßigt EUR 7,50)

Fotos: Wigmar Bressel

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Nachtrag 07.11.2016:

Laut Messegesellschaft hatte die „Fisch & Feines 2016“ 221 Aussteller und 37.476 Besucher; die „Fisch & Feines 2017“ ist für den 3. – 5. November 2017 angekündigt.

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„Manufaktur 4.0“ – Überlegungen nach der ersten Podiumsdiskussion

21. Oktober 2016, Potsdam. Am 16. September 2016 fand der 1. Brandenburger Manufakturentag im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam statt. Organisiert von der Deutschen Manufakturenstraße e. V. sowie der Kulturland Brandenburg Gesellschaft – eine Auftaktveranstaltung für die Manufakturenstraße in Brandenburg. Gezeigt wurde eine kleine, feine Ausstellung von 20 Brandenburger Manufakturen und manufakturartig arbeitenden Designern, Handwerkern und Herstellern von Konsumgütern, Baustoffen und Lebensmitteln – die Hersteller für die Besucher zum Anfassen, die Geschäftsführer als Gesprächspartner.
Im Rahmen der Ausstellung fand eine Podiumsdiskussion zu Überlegungen nach der „Manufaktur 4.0“ statt, die natürlich auch für die Fachhochschule Potsdam und ihre Absolventen interessant ist. „4.0“ steht in der Industrie für Software-Einsatz in der gesamten Produktionskette vom Designer über den Hersteller bis zum Händler und dem Endkunden, aber auch Beteiligung der Kunden am Design, Transparenz bei den Materialien, Herkunft und Arbeitsbedingungen. Das wird von der Bundesregierung großzügig gefördert. Was könnte analog die förderfähige „Manufaktur 4.0“ werden?

Auf dem Podium saßen neben den Moderatoren Pascal Johanssen und Brigitte Faber-Schmidt drei Hochschulprofessoren der Fachhochschule Potsdam – Prof. Dr. Rainer Funke (Designtheorie), Prof. Alexandra Martini (Gestaltungsgrundlagen), Prof. Hermann Weizenegger (Industrial Design) -, Necdet Yildirim von Carta Forma (Hersteller von Papierwaren aus Oberkrämer), sowie ich als Vorsitzender des Verbandes Deutsche Manufakturen und Silberwarenhersteller (Koch & Bergfeld) aus Bremen.
Ehrlichgesagt warf die Diskussion noch mehr Fragen auf, als sie Antworten ergab – aber vielleicht liegt das auch in der Natur der Sache, wenn es sich um eine Auftaktdiskussion handelt.

Klar ist: Es gab in den vergangenen Jahren wieder große technische Fortschritte. Theoretisch können sich Kunden, Lieferanten, Zulieferer und Hersteller über Software verknüpfen – jeder könnte Einblick in den Produktionsprozess nehmen. Maschinen aus aktuellen Baujahren haben oft eine Computerschnittstelle. Die Frage ist nur: Interessiert das irgendjemanden in der Manufakturenbranche? Die Antwort lautet vermutlich: eigentlich nein. Eigentlich. Und zwar nicht, weil man technikfeindlich wäre – sondern weil häufig schlicht die Anwendbarkeit fehlt.

Man braucht sich nur die Grundsatzfrage zu stellen: Was ist der größte Unterschied zwischen Industrie und Manufaktur? Das ist neben der geringen Mitarbeiterzahl bei Manufakturen auch die geringe Losgröße in der Produktion. Gerade die Losgröße 1 (Sonderanfertigung) stellt die Frage nach der Amortisation jedes Investitionsschrittes.

Geht man einmal optimistisch von einer industriellen Soft- und Hardware-Lebenszeit von zehn Jahren aus (bei Apple- oder Microsoft-Produkten reden wir erfahrungsgemäß von einem Jahr), so bedeutet dies, dass mit der Investition in eine Soft- und Hardware diese sich in diesen zehn Jahren bezahlt gemacht haben muss. Denn dann ist der Fortschritt drum herum so groß, dass neue Investitionen erfolgen müssen.

Nehme ich unseren eigenen Betrieb als Beispiel – die Silberbesteckproduktion -, so rede ich über vermutlich 250 000 bis 400 000 produzierte Besteckteile in zehn Jahren – allerdings aus einer Palette von rund 1500 verschiedenen Stücken (das wäre schon der Optimalfall – insgesamt haben wir rund 15 000 verschiedene Besteckteile seit Bestehen unseres Unternehmens entworfen und gefertigt). Von dem einen Löffel werden mehr gefertigt, von dem anderen sehr viel weniger. Das heißt, mein Aufwand muss für viele unterschiedliche Produkte mit teilweise sehr geringen Stückzahlen passen. Ist das realistisch? Wohl eher nicht. Wir reden ja nicht von einem Warenwirtschaftssystem (haben wir), Internetseite, eMail und Facebook (haben wir), Smartphones und Automobile haben wir natürlich auch schon – also stellt sich die Frage, worauf die Veränderung „4.0“ abzielen könnte.

Auf den Händler-Kontakt? Der Händler ruft an, benötigt die Gravur-Kombination „F“ und „D“ für seinen Kunden, der gerade im Geschäft beraten wird. Schnellste Lösung: drei Seiten Gravur-Kombination aufs Fax gelegt, er kann diese dem Kunden zeigen und nach zehn Minuten ist das Rückfax da – eine Kombination in einer Zierschrift ist angekreuzt. Fertig.

Ich frage mich: Wäre er besser dran, wenn er die Kombinationen im Internet hätte abrufen können, während er den Kunden im Geschäft berät? Ich frage mich mal zurück: Hat der Händler seinen Acrobat Reader für PDFs aktuell – oder macht er jetzt vor den Kunden-Augen erstmal ein Update, damit er nach zwanzig Minuten (Java war auch veraltet und aktualisiert sich schnell noch mit) dann auch noch die richtige Kombination aus den etwa 500 Seiten mit jeweils 20 bis 50 Möglichkeiten herausgesucht hat, endlich etwas vorzeigen kann? Oder will er das doch lieber dem Fachmann – hier: seinem Lieferanten, der sich längst den Ladenöffnungszeiten im Büro angepasst hat – mit der veraltet scheinenden, aber fehlergeringen Fax-Technik überlassen?

Zielt die Veränderung vielleicht auf die Lieferanten-Kommunikation? Gegenfrage: Wieviel Material benötigt wohl eine Manufaktur so im Monat? Reicht die Bestellung per eMail oder Fax (wegen der geforderten Unterschrift) nicht aus?

Bleibt der Endkunde… Der Endkunde ist überglücklich mal alle seine Fragen an den Hersteller stellen zu dürfen. Benötigt der Endkunde einen Zugang in die Produktion der Manufaktur? Nein, benötigt er wohl kaum, da den meisten Endkunden eh die Vorstellungskraft für Produktionsprozesse und die Menge der Möglichkeiten fehlt, es die allermeisten auch nicht interessiert.

Geht es um einen Konfigurator für Bestellungen? Nach meiner bald 20jährigen Tätigkeit für Manufakturen, denke ich: nicht. Denn: Vom Typ her möchte der Endkunde ein bisschen fachsimpeln, feststellen, ob er bei genau diesem Hersteller ‚richtig‘ ist, dort seinen Kauf nach reiflicher Überlegung und Beschäftigung zu tätigen. Er möchte nochmal von einem Menschen am anderen Ende der Telefonleitung versichert bekommen, dass das Bestellte zum gewünschten Termin geliefert wird. Er liebt einfach den Kontakt mit den Menschen ‚dahinter‘, mit den Menschen, die die Produkte herstellen und alles so genau wissen…

Die Diskussion verlief an diesem Nachmittag in Potsdam an der Diskussionsfront 3-D-Druck versus Handarbeit.

3-D-Druck ist faszinierend. Aber relativ langsam. Und hängt von der Qualität der Programmierung ab. Zeit ist Geld. Programmierung kostet Geld. Und es gibt da den zusätzlichen entscheidenden Unterschied: Der Schmied verformt manuell und erhält am Ende einen Stahl mit besonderer Schnitthaltigkeit – der Drucker verschweißt oder verklebt Pulver. Heraus kommt so etwas wie: Eisen, nicht so sehr schnitthaltig. Das ist zwar nur ein Bild – aber es scheint mit irgendwie passend.

Die Bremerhavener Biozoon Food Innovations GmbH wurde gerade mit dem Schütting-Preis, dem Innovationspreis der Bremer Handelskammer, ausgezeichnet für sein Spezialessen aus dem 3-D-Drucker – ein geliertes Lebensmittel, dass Menschen mit Kau- und Schluckstörungen helfen soll: Bohnen im Speckmantel an Lammrücken? Schmeckt so, ist aber Gel. Das Unternehmen hat 24 Mitarbeiter und macht 1,2 Millionen Euro Umsatz. Haken an der Sache: Das Essen ist relativ teuer, denn es muss auf den jeweiligen Patienten und seine Kau- und Schluckfähigkeiten zugeschnitten sein. Da haben wir wieder die Losgröße 1… Und die Frage, warum wir Manufakturen eben doch eher mit Slowfood harmonieren und in einem Boot sitzen, als mit ‚Smoothfood 1.0‘, wie der derzeitige Fachbegriff für das Gel-Essen derzeit ist.

Das größte Problem der „4“ vor der „0“ ist jedoch, dass es die Manufakturen von ihrer DNS wegführt – der Handarbeit und dem Menschen, der im Manufakturprodukt zu finden ist und vom Kunden gesucht wird. Denn die Renaissance der Manufakturen begann vor 20 Jahren nicht in der Faszination der Betreiber für immer vertieftere Technik – sondern in der Begeisterung der Kunden für die Handarbeit, für den Menschen, der trotz seriellen Fertigung im einzelnen Produkt zu finden ist.

Der Mensch – und seine Kompetenz. Seine Meisterschaft in vielen Dingen, vor allem in seiner Urteilskraft. Wann ist ein Produkt ‚gut‘? Kann das ein Roboter entscheiden?

Das unterscheidet Manufaktur und Industrie. Serielle Fertigung – jedoch in Verantwortung des Menschen und nicht der Vorgabe. Nicht das Fließband, das unnachgiebig weiterläuft. Sondern das Auge und die Entscheidung des Mitarbeiters. Und das ist auch das, was der Kunde will – es sei denn, eine Maschine könnte es besser. Dann wäre der Arbeitsplatz futsch, das ist klar.
Kurzes Fazit: Der Charme der Manufakturen liegt gerade in der arbeitsteiligen Handarbeit und im Erkennen der Handarbeit und des Menschen im Produkt. Das Programmieren von Software kostet noch zuviel Zeit und damit Geld, Drucker sind zu langsam und scheinen – wenn überhaupt – im Prototypenbau interessant. Neue Techniken sind dann interessant, wenn sie neue Möglichkeiten und neue Produkte für die Hersteller eröffnen, das ist klar. Reine Automatisationen laufen dem Manufakturgedanken zuwider und bringen noch nicht mal die körperlichen Entlastungen, die dem Außenstehenden interessant erscheinen (Betriebssport und -yoga erübrigt sich beim Konsumgüterhersteller möglicherweise, wenn man eh körperlich arbeitet und ab und an mal die Halbfertigteile zum Kollegen bringt und die Muskulatur ‚abweichend‘ durchblutet wird). Auch digitale Kundennähe ist beim doch recht häufigen Endkunden-Kontakt in der Regel eher ein Wunsch der Hersteller als der Kunden…
Trotzdem finde ich die Diskussion und die Gedankenspiele interessant. Und auch deshalb veranstaltet der Verband Deutsche Manufakturen alljährlich das „Zukunftsforum Deutsche Manufakturen“… Wer eine Idee zur weiteren Zukunft der Manufaktur-Idee hat, bringe sich ein!

Fotos: Deutsche Manufakturenstraße e. V.

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Hier einige Eindrücke vom 1. Brandenburger Manufakturentag:

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Glasmanufaktur von Poschinger zur „Manufaktur des Jahres 2016“ gewählt

24. Juni 2016, Bremen. Der Verband Deutsche Manufakturen e. V. hat wieder die „Manufaktur des Jahres“ gewählt. Ausgezeichnet wurde von der aus neun Manufaktur-Unternehmern bestehenden Jury die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur e. K. aus dem bayerischen Frauenau. Die Begründung für die Auszeichnung ist die vor 15 Jahren erfolgte Neuausrichtung des Unternehmens von der Sortimentsproduktion auf Sonder- und Spezialanfertigungen. Seit dieser Zeit produziert Poschinger Glasobjekte für diverse internationale Marken, Trophäen für Sport und Wirtschaft, individuelle Einzelanfertigungen für Privat- und gewerbliche Kunden – bevorzugt für Architekten, Designer, Restauratoren und den Denkmalschutz.

Die Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur ist die älteste sich noch in Betrieb befindliche Glashütte Deutschlands mit der längsten Familientradition der Welt. Sie fertigt ihr Sortiment und alle Aufträge ausschließlich im eigenen Betrieb. Die Produktion erfolgt in Handarbeit und umfasst die Herstellung von Glas und Gläsern aller Art, für deren zuverlässige Qualität und hohes Niveau 26 Mitarbeiter sorgen.

Über die Jahrhunderte belieferte Poschinger die Fürsten- und Königshäuser Europas, zum Beispiel den russischen Zarenhof, und stattete Kreuzfahrt- und Luftschiffe aus. Neben der Glasherstellung stützt sich das Unternehmen auf die Land- und Forstwirtschaft. Sie spielte bereits in früheren Zeiten eine große Rolle, da der Betrieb damit in der Lage war, die eigene Holzkohle sowie die Pottasche für die Glasschmelze herzustellen.

In seiner Einheit von Manufaktur, Land- und Forstwirtschaft war der Betrieb von Anfang an als autarkes Glashüttengut angelegt – heute das letzte seiner Art. Die einzelnen Wirtschaftsbereiche werden von Betriebsleitern geführt, denen die Gesamtverwaltung unter Leitung von Benedikt Freiherr Poschinger von Frauenau vorsteht. Er führt das Unternehmen seit 2007 in 15. Generation – immer weitergegeben vom Vater an den ältesten Sohn.

Die Freiherrn von Poschinger gehören zu den ältesten Familien in Bayern; bereits 1140 wurde der erste Poschinger urkundlich erwähnt. 1547 verlieh Herzog Albrecht V. den Poschingern das Familienwappen. Indem Joachim Poschinger 1568 das Glashüttengut Zadlershütte bei Frauenau erwarb, begann die mittlerweile fast 450-jährige Geschichte der Poschinger als Glashütten- und Gutsherren im Bayerischen Wald. Die Glashütte in Frauenau und das zugehörige Gut wurden 1605 gekauft. Im Laufe der Jahrhunderte betrieb die Familie Glashütten in Spiegelhütte, Buchenau, Oberzwieselau und Theresienthal.

Nachdem Joachim Poschinger 1568 das Glashüttengut Zwieselau erworben hatte, entwickelte sich die Familie zu einer führenden Größe in der bayerischen Glasherstellung. Prägend hierfür waren besonders Johann Michael II. Reichsritter und Edler von Poschinger, der die heute noch aktive Glashütte 1846 in Betrieb nahm, und der bayerische Senatspräsident Hippolyt Freiherr Poschinger.

Die Globalisierung fordert neue Strategien für die traditionelle Glasherstellung. Um sich in einem von Massenprodukten und Billigimporten überschwemmten Markt zu behaupten, legt das Unternehmen seinen Schwerpunkt verstärkt auf Sonder-, Spezial- und Einzelanfertigungen sowie die Umsetzung individueller Kundenwünsche.

Nach Überzeugung der Jury ist Poschinger ein hervorragendes Beispiel dafür, dass sich auch eine historische Manufaktur mit einem guten wirtschaftlichen Hintergrund ihr Geschäftsmodell immer wieder „neu erfindet“, um nicht zur Liebhaberei zu werden.

Informationen & Ansprechpartner:

Wigmar Bressel, Verband Deutsche Manufakturen, Tel. 0421 – 55 90 6-20

www.deutsche-manufakturen.org

Benedikt Freiherr Poschinger von Frauenau, Tel. 0 99 26 – 9 40 10

www.poschinger.de

Bisherige Preisträger:

Leuchten Manufactur Wurzen (2014), Porzellanmanufaktur Dibbern (2015)

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Fotos: Deutsche Manufakturen e. V. / Michael Bode