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Jürgen Betz: „Eine Reise ins Innere der Uhr“

5. Februar 2016, Efringen-Kirchen. Interview mit Jürgen Betz, Geschäftsführer der BORGWARD Zeitmanufaktur

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Herr Betz, warum haben Sie Ihre Uhren-Manufaktur nach der Automarke Borgward benannt?

Das ist meine Leidenschaft zu Borgward. Es fing durch meinen Vater an. Seinen Jugendtraum erfüllte er sich als Rentner und besitzt heute mehrere Fahrzeuge, die in seiner Scheune stehen. Inzwischen hat er viel Zeit und restauriert alte Fahrzeuge. Durch ihn bin ich an Borgward gekommen. In meiner Lehrzeit habe ich einen Goliath Hansa 1100 Kombi entdeckt. Das ist ein sehr seltenes Fahrzeug. Mit meinem Vater zusammen habe ich diesen restauriert. Dadurch war ich natürlich schon in jungen Jahren sehr verbunden mit der Geschichte Borgwards.

Während meines beruflichen Werdegangs als Maschinenbau-Techniker leitete ich schließlich die Produktion in der ältesten Zifferblatt-Fabrik Deutschlands in Weil am Rhein. Dort fiel mir bei der Entsorgung alter Druckklischees und Aufnahmen ein Klischee für die Zifferblattherstellung mit dem Namenszug BORGWARD in die Hände. Das warf für mich die Frage auf, was Borgward mit Uhren zu tun hatte.

Und – was verbindet Borgward mit Uhren?

Ich stellte nach Recherchen fest, dass es tatsächlich Armbanduhren gab, die für Borgward produziert wurden. In der damaligen Zeit wurde das gesamte Interieur des Autos mit Markenprodukten ausgestattet. Die Cockpit-Uhren kamen z. B. von Kienzle oder von Bifora aus Schwäbisch-Gmünd, die für Borgward auch Armbanduhren hergestellt haben. Borgward hat schon früh das Marketing-Prinzip der Kunden-bindung erkannt und mit derartigen Kundengeschenken realisiert. Wenn Sie als Borgward-Fahrer nachweisen konnten, dass sie mehr als 100.000 Kilometer unfallfrei mit ihrem Auto gefahren waren, haben Sie als Premiumgeschenk eine solche Uhr, eine Plakette und eine Urkunde erhalten. Die Zifferblätter dieser Armbanduhren wurden in Weil am Rhein gefertigt.

Da wuchs in mir eine Idee: Warum kann so etwas heute nicht noch einmal gemacht werden und damit die Geschichte der Marke fortgeschrieben werden? Ich bin ja damals meinen Goliath gefahren. Das war so außergewöhnlich, dass ich oft darauf angesprochen wurde und ich immer wieder von Neuem die Geschichte Borgwards erzählt habe, die bei vielen nicht mehr präsent war. So entstand der Plan, die Geschichte dieses Unternehmens mit hochwertigen Armbanduhren weiterleben zu lassen. Das ist nun über zehn Jahre her.

Wie spiegelt sich das denn im Design der Uhren wider?

Das Design der Uhren wird heute durch das Zifferblatt, das Gesicht der Uhr, geprägt. Mit unseren Borgward-Uhren greifen wir die Aura dieser Zeit auf, dieses typische Tacho-Design, das wir ohne unnötige Ablenkung rüberbringen. Das Gehäuse orientiert sich an der Karosserieform der Automobile: in der Serie P100 – benannt nach dem großen Borgward aus den 60ern zum Beispiel –  sind die runden, fließenden Formen abgelegt worden. Das Gehäuse erinnert an den Bauhaus-Stil, sehr gerade und klar. So lehnen wir unsere Uhren an das Design dieser Zeit an.

Dennoch sind sie ebenso in die Neuzeit interpretiert. Ich habe mir bei der Konstruktion gesagt, wenn Borgward heute noch auf den Straßen zu sehen wäre, dann wären die Fahrzeuge auch nicht mehr retrospektiv, sondern modern.

Jetzt soll ja auch die Automarke Borgward wiederbelebt werden, mit Hilfe eines chinesischen Investors. Ist das für Sie irritierend oder finden Sie das belebend für Ihr Geschäft?

Im ersten Moment war ich sehr irritiert und dachte: Oh je, jetzt haben meine Frau und ich mit unserem kleinen Team so mühevoll unsere Uhrenmarke aufgebaut. Passt da die Geschichte mit einem chinesischen Investor und der Produktion in China? Schädigt das den Status unserer mechanischen Uhren im gehobenen Segment? Da waren wir schon sehr skeptisch. Inzwischen sagen wir uns, dass die Geschichte auch dort weiterlebt. Wir haben die Hoffnung, dass dieses Erbe auch in Ehren gehalten und adäquat umgesetzt wird. Wir denken ja heute alle global. Wir sehen es als Chance und werden jetzt auch Uhren in China verkaufen.

Sie verkaufen aber nicht nur Uhren, sondern machen auch Uhrenseminare. Was passiert da?

In unseren Uhrenseminaren bieten wir technik- und uhrenbegeisterten Menschen die Möglichkeit, die Reise ins Innere der Uhr anzutreten. Wir öffnen unsere Manufaktur und vermitteln unsere Leidenschaft für das Produkt.  Fünf bis sechs Teilnehmer zerlegen unter fachmännischer Anleitung ihr Handaufzugs-Uhrwerk. Anschließend werden Werkteile und Brücken veredelt und finisiert. Ein unveredeltes Uhrwerk wird also sehr schön aufbereitet, alles gereinigt und galvanisiert. Das Zifferblatt bedruckt der Teilnehmer selbst von Hand. Am Ende baut jeder seine eigene Uhr, die wir komplett einregulieren. In unseren Kursen bemerken wir, dass jeder Teilnehmer wieder zum Kind wird. Mit leuchtenden Augen entsteht eine unheimliche Begeisterung. Jeder ist ganz stolz auf seine selbst erschaffene Uhr.

Man braucht dafür eine ruhige Hand. Kann man das lernen? Muss man dafür Yoga oder autogenes Training machen?

Der eine braucht dafür ein Stück Schokolade, der andere einen kleinen Schnaps – lacht – Nein, das bekommen wir gemeinsam immer hin. Eine ruhige Hand ist schon ganz gut. Wir hatten schon Teilnehmer, die aufgeregt und zittrig waren. Es braucht aber niemand Angst zu haben. Es ist immer ein Uhrmachermeister dabei. Am Ende des Seminars läuft jede Uhr.

Wir wollen mit unserem neuen Manufakturen-Blog die digitale Welt mit Tradition    verbinden. Was bedeutet für Sie in Ihrem Metier online-Vertrieb und online-Kommunikation?

Hätten wir nicht das Internet oder die neuen Medien, würde ich es mit unserer Marke nicht schaffen, uns so präsentieren zu können. Das ist gerade für kleine Hersteller sehr wichtig. Wir gestalten unser Marketing auch immer für die online-Kommunikation.

Sie haben gleich zu Beginn über die Leidenschaft für Ihre Uhren gesprochen. Worin äußert sich diese Leidenschaft für Sie persönlich?

Der Reiz besteht darin, die Geschichte einer Automarke in ein hochtechnisches Produkt zu transferieren und dazu das Produktdesign zu gestalten. Wenn Sie meine Uhren anschauen, dann entdecken Sie Harmonie und die Aura dieser Zeit. Das ist meine Leidenschaft: Uhren für Generationen zu bauen.

Fotos: BORGWARD Zeitmanufaktur

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