Manufakturen-Blog: Römertopf goes BBQ - weiterer Ton, glasiert, ab ins offene Feuer (Foto: Wigmar Bressel)

Ambiente 2017: Kochen, essen, schreiben – was Sie Neues von deutschen Manufakturen gesehen haben sollten

13.02.2017, Frankfurt am Main. Die größte Überraschung auf der Konsumgütermesse Ambiente 2017 bescherte mir Römertopf: Wenn die Manufaktur aus Ransbach-Baumbach im Westerwald im 50. Jahr ihres Bestehens für ein neues Produkt gleich die Tongrube wechselt, genau genommen statt ausschließlich in Moschheim Ton einzukaufen, nun auch noch in Niederahr ordert, dann bleibt der Besucher verdutzt am Stand stehen und fragt sich, was los ist. 50 Jahre Terracotta – und nun dies.

Michel Rouland ist immer noch der Frontmann, auch die anderen Mitarbeiter am Stand in Halle 3.1 sind vertraut. Aber da stehen rechts und links der Gesprächszone mit den vielen terrakottafarbenen, offenporigen und im Betrieb zu wässernden Römertöpfen – die berühmten Töpfe für das fettfreie Braten gegen die Kalorien des deutschen Wirtschaftswunders – anthrazitfarbene Kochgeschirre, die glasiert glänzen, und hinzu kommt eine große Grillstation sowie Plakate, auf deren Fotos die neuen Töpfe im Feuer stehen: „Römertopf goes BBQ“.

Okay. Die neuen Kochgeschirre sind aus einem anderen Ton – der feuerfest ist. Und das konnte eben der bisherige terrakottafarbene Ton nicht. Außerdem hat der neue Ton eine ganz feine Beschaffenheit, fühlt sich seidig matt an (z. B. auf der Innenseite des Deckels) – und ist cremeweiß. Damit der Topf diesmal keine Feuchtigkeit aufnimmt und im Feuer platzt, wurde er glasiert. In einer faszinierenden Farbe – es ist anthrazit. Erinnert jedoch gerade bei den runden Töpfen sehr an Stahlhelme. Gemüse anbraten, Chilli vom Grill – ich glaube, Männer werden diese Farbe lieben und die Töpfe zum In-die-Glut-stellen – mit ihrer ursprünglichen Art, vielleicht am ehesten zu beschreiben als: Nomaden-Art – zum Renner machen. Verkaufspreise ab 34 Euro.

Noch eine neue Idee zum Thema Kochen kommt von Mono in Halle 4.0. Die Besteckmanufaktur aus Mettmann (mit der weiteren Marke Pott und Sarah Wiener als Aushängeschild für eine Pott-Messer-Serie) hat ihren Messestand neu in geschmackvollem Moosgrün eingerichtet – trotz blauschwarzen Mono-Logos (gut!). Und sich etwas Neues zum Thema Topfdeckel ausgetüftelt. Wohlgemerkt zum Deckel – denn „Mono steigt nicht in die Topfproduktion ein“, sagt Geschäftsführer Wilhelm Seibel.

Aber der neue Deckel kann etwas: Auf der Unterseite sind feine Silikonringe angebracht. Da der Deckel nach unten gewölbt ist, kann man ihn praktisch in jedem Winkel auf verschiedenste Töpfe aufsetzen – das Wasser tropft nach innen ab, er kommt danach auch tropffrei aus der Geschirrspülmaschine. Außerdem verfügt er über einen Kaltgriff und man kann auf ihm – besser: in ihm – den Kochlöffel ablegen sowie alternativ dort das Schnittgut aufbewahren, bis alles geschnippelt ist und in den Topf soll. Bezeichnend ist auch der Produktname: mono multitop. Verkaufspreise: 48 bzw. 58 Euro (22cm/26 cm).

Für den Handel gibt es eine raffinierte Kampagne unter wasistdas.mono.de, in der der Endverbraucher sich in der Zeit vom 24. April bis 26. Mai 2017 Gedanken machen soll, was das neue Teil wohl sei, seine Ideen dazu bei Mono einreichen und Einkaufsgutscheine gewinnen kann.

Marc Weyersberg mit seiner Kupfermanufaktur aus Starzach baut sein Sortiment weiter aus. Zu den induktionsherdgeeigneten und keramikbeschichteten Bratpfannen und Backformen gibt es weitere Größen, die Mini-Stielcasserole für die Vorspeisen, Tarteform, jetzt kommt ein sehr großer Bräter hinzu. „Ich habe inzwischen zwölf Töpfe und Pfannen zu einem Preis von mehr als 500 Euro Verkaufspreis im Handel – damit bin ich hier in der Halle 3.1 sicherlich einzigartig“, grübelt Weyersberg offen nach. Halle 3.1 – das ist die mit den großen deutschen und europäischen Koch-Marken. Teuer scheint kein Problem: Die Kupfermanufaktur Weyersberg hat den Stückumsatz bei diesen teuren Luxus-Geräten vervierfacht, hat überhaupt einen tollen Lauf.

Auch die Gehring-Brüder Hartmut und Volker aus Solingen haben sich dem Kochen verschrieben – genaugenommen dem Schneiden. 2000 verschiedene Kochmesser entstanden im Laufe der bisher 60jährigen Firmengeschichte. Ganz neu aus der Manufaktur, die ja in Deutschland der Vorreiter der Damaststahl-Messer ist: Messer aus Damaststahl mit teilgeprägten und polierten Klingen. Das Muster – eine Gras-Struktur – ist geschützt; eine andere, aussehend nach Hammerschlag (aber geprägt), wurden gerade mit dem Design-plus-Preis 2017 für Nachhaltigkeit ausgezeichnet, die Messer sind auch in der sogenannten ‚Galleria 1‘ ausgestellt.

Ein Arbeitsgang mehr – und das Interesse der großen Händler ist riesig. Solche Messer hat man noch nicht gesehen. Verkaufspreis ab 50 Euro.

Neuester Promi-Koch mit Gehring-Messern ist Johann Lafer.

Einen anderen Weg geht die ebenfalls Solinger Messermanufaktur Güde. Inhaber Dr. Peter Born treibt das ‚intellektuelle‘  Damastmesser weiter auf die Spitze. Deutscher Damaststahl in der Version ‚Wilder Damast‘ wird 300-lagig zwei Tage geschmiedet. Die Griffhölzer sind aus bis zu 1500 Jahre altem Wüsten-Eisenholz. Das Holz ist genauso toll strukturiert wie der ‚Wilde Damast‘, schwer zu bearbeiten, wie es der harte Name schon sagt, eine Kostbarkeit. Das neue Messer mit extrem breiter Klinge – eine Mischung aus chinesischem Kochmesser und Fleischerbeil – bleibt demensprechend etwas für den Liebhaber oder fanatischen Koch – es kostet 1800 Euro.

Dafür hat sich Peter Born einmal hingesetzt und die Geschichte des Messers aufgeschrieben – von der Steinzeit bis heute: Herstellung, Stahl, Holz, Messer, Pflege und Aufbewahrung. Zweisprachig deutsch-englisch: „Die Messer. The Knives.“ Bestellenswert!

Von der Herstellung zum Dinieren. Am Stand der Porzellanmanufaktur Dibbern aus Bargteheide in der Halle 4.1 ist immer was los. Dibbern geht nicht zur Messe ohne neue Vorschläge an Handel und Gastronomie. Ben Dibbern: „Wir haben Art déco im Angebot, skandinavisches Design und eine vielleicht als Retro empfundene neue Form mit dem Namen ‚Heritage‘.“ Alles aber in Fine Bone China, weiß und bunt natürlich zum Mixen.

Viele Händler waren überrascht – schon öfter war Dibbern seiner Zeit voraus. Manches Projekt wurde meiner Meinung nach zu schnell abgebrochen (ich sag nur: ‚Miami‘). Abwarten ist jedoch nicht die Art der drei Herren, die die Geschäfte sehr erfolgreich lenken. Vielleicht geben sie Handel und Kunden diesmal eine Chance, sich hinterher zu entwickeln. Oder auch wieder nicht.

Eine ganz andere Strategie verfolgt die Porzellanmanufaktur Fürstenberg im Parallelgang, im Jahr 1747 gegründet und in der gleichnamigen Burg oberhalb Höxters zu Hause. Mitte März 2017 eröffnet dort das neue Porzellanmuseum mit Mitmachbereich. Nachdem die Manufaktur im niedersächsischen Staatsbesitz (gehalten über die NordLB) sich über die Jahrhunderte ihren besonderen Ruf für ihre Porzellanmalerei erarbeitet hat, gibt es jetzt eine radikale Erweiterung: Mit der Beauftragung des argentinisch-schweizerischen Designers Alfredo Häberli gelangen weitere neue Formen, die nach meinem Eindruck noch mehr auf die Gastronomie abzielen. Unter dem Namen ‚Fluen‘ entstand echtes Gebrauchsporzellan. Gebrauchsporzellan auch deshalb, weil die Preise echt verträglich sind und gastronomiefähig. Auch die gedruckten Dekore als Alternative zum ewigen Weiß sind gut: Strahlenringe in Braun und Beige (Dekor ‚Fine Lines‘) oder geschwenkte Kreise in Mint und Gold und Blau auf dem Tellerrand – bei weißen Essflächen (Dekor ‚Shifting Colors‘) . Los geht’s bei untypischen 20 Euro.

Ich möchte Sie noch zu einem Gang in die Halle 11.1 animieren. Es hat sehr entfernt auch noch etwas mit essen und trinken zu tun. Dort möchte ich Ihnen einen Gang zur  renommierten Schreibgeräte-Manufaktur e+m holzprodukte aus Neumarkt in der Oberpfalz empfehlen. Wolfram Mümmler und seine Frau Brigitte leiten ein seit vier Familiengenerationen bestehendes Unternehmen, das die tollsten Schreibgeräte aus Holz drechselt. Hört sich nach ‚regional‘ an? Nein, hingehen! Neueste Kracher: Kugelschreiber aus dem Holz alter Weinreben gedrechselt (250 Euro). Oder aus dem Holz bisheriger Barrique-Fässer (190 Euro). Oder hauchdünne Kugelschreiber (1 cm Durchmesser) namens ‚Style‘ und ‚Style.us‘ aus Wildkirsche, Wenge, Zebrano oder Walnuss, mit deren Kappe man Handys bedienen kann (z. B. wenn man Handschuhe trägt oder das Gefühl hätte, man hätte zu dicke Finger) – ab 35 Euro.

Das mittelständische Unternehmen war mal der große deutsche Federhalter-Hersteller. Im Krieg schwerst getroffen, hatte es sich vierzig Jahre nach ’45 wieder so weltweit verbreitet, dass ein amerikanischer Präsident namens Ronald Reagan einen wichtigen Vertrag mit einem Holzschreibgerät der Familie Mümmler unterschrieb – und auf einem Foto reckte er den Kugelschreiber hinterher in die Kamera.

Die Ambiente 2017 geht noch bis zum 14. Februar, 17.00 Uhr, Tageskarte 37 Euro.

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